Die Musikanten bliesen nunmehr ihren Reitermarsch, und das große Bombardon klang wie eine Stimme des jüngsten Gerichts dazwischen. Langsam bewegte sich der Zug den Auberg hinan, und alle Kinder aus Oberlemmingen folgten ihm, schreiend, johlend und singend.

Im Schlosse war man auf das Kommende vorbereitet. Schellheim und die Rätin hatten bereits auf der letzten Terrasse Aufstellung genommen, mit ihnen der Oberinspektor Bandemer und zwei Eleven. Über die Balustrade der ersten Terrasse lugten die neugierigen Gesichter der Dienerschaft.

Über das stille Antlitz der Rätin glitt etwas wie ein leichtes Schmerzempfinden, als die Musik näher und näher kam; ihrem feingebildeten Ohr dünkte der kriegerische Marsch wie ein ungeheurer Korybantenlärm. Dann aber zog ein Lächeln über ihr Gesicht. Der Zug nahte. Die Bläser transpirierten außergewöhnlich; man sah, wie über die den Luftstrom aufnehmenden und wieder fortstoßenden dicken Backen das Wasser strömte. Namentlich Fritz gewährte einen unfreiwillig-komischen Eindruck. Der schöne Zylinder, über dessen sanften Bronzeton die Sonne glitt, saß ihm tief im Nacken. Das ganze Gesicht glühte purpurn vor Hitze und Anstrengung und erschien wie gebadet. Er war so im Eifer, daß er das Schlußzeichen übersah, das Tengler gab, und so stieß er noch ein paar schmetternde Töne aus, während die andern schon schwiegen, und setzte das Instrument erst ab, als der junge Raupach ihn ärgerlich in den Rücken puffte. Und dann machte er ein ganz erstauntes Gesicht; er hatte nicht gedacht, daß es schon zu Ende wäre.

Liese Braumüller deklamierte ihren Spruch, die Augen zu Boden gesenkt, voll brennender Verlegenheit, monoton sprechend, wie sie es beim „Aufsagen“ in der Schule gelernt hatte, und mit gefalteten Händen. Zweimal stockte sie, aber Dörthe half ihr immer wieder aus. An der Stelle: „Wir wünschen der Herrschaft einen heiligen Lohn“ versprach sie sich mehrfach, sagte erst „leiligen Hohn“ und raspelte dann noch längere Zeit an den Worten herum, ehe sie das rechte fand. Dabei schossen ihr die Tränen in die Augen.

Als sie geendet hatte, trat der Gutsvogt vor, der mit im Zuge war, ein stämmiger Mann, der Markuse hieß und deshalb immer „Jüd“ genannt wurde, obschon er aus altsässiger Bauernfamilie stammte. Der brachte ein Hoch auf die gnädige Herrschaft aus, worauf die Musikanten einen Tusch bliesen und dann merkwürdigerweise „Heil dir im Siegerkranz“ anstimmten.

Das brachte den Kommerzienrat, der etwas verlegen war, wie er nach Landesbrauch die Ovation beantworten sollte, auf einen guten Gedanken. Er gab den Nächststehenden die Hand, dankte allerseits und ließ sodann, an den Sedantag und seine glorreichen Erinnerungen anknüpfend, in einer geschickten Schlußwendung Seine Majestät den Kaiser leben. Wieder fielen die Musikanten ein und bliesen hierauf, ihrem Repertoire getreu, „Nun danket alle Gott“.

Der Kommerzienrat sah ein wenig verwundert aus. Eine Predigt konnte er doch nicht halten. Er nahm sein Portefeuille aus der Tasche und reichte dem Gutsvogt einen Fünfzigmarkschein: die Leute möchten sich einen vergnügten Abend machen. Und dann zog er diesen und jenen ins Gespräch, während die Rätin mit liebenswürdiger Miene ein paar freundliche Worte an Liese Braumüller richtete.

Fritz Möller stand in vorderster Reihe. Als Schellheim ihn sah, stutzte er und fragte:

„Herr Möller – nicht wahr?“

„Jawohl, Herr Kommerzienrat,“ antwortete dieser.