Fritz erschien unter der Haustür. Er machte kurzen Prozeß, denn er wußte, wie Vietz zu behandeln war. Er packte ihn einfach an Kragen und Rockschoß, trug ihn in das Schankzimmer und setzte ihn hier in eine Ecke. Dann wurde ihm der Baß zwischen die Beine geschoben, und der Geiger nahm neben ihm Platz.
„Nu feste gespielt, Vietz,“ sagte Fritz ernst; „immer nach drei Tänzen kriegt Ihr ein Glas Bier. Aber wenn Ihr’s schlecht macht, gibt’s gar nichts!“
Vietz nickte; er kannte das. Und dann ging es los. Der Geiger fiedelte, und Vietz kratzte auf seinem Baß herum: es war eine höllische Musik. Der Alte hatte offenbar das Bestreben, stets möglichst schnell zu Ende zu kommen, während sein Partner eine behagliche Natur war und sich Zeit ließ. So kamen die beiden niemals zusammen. Doch auf das Vergnügtsein der Tanzenden hatte das verschiedene Tempo keinen Einfluß. Die Paare wirbelten im Zimmer umher; man stieß sich, man stolperte, man drängte sich und chassierte aneinander vorüber, lachte, lärmte und tollte und unterhielt sich königlich dabei. Der Staub schwirrte auf, die Luft wurde schwül, ein trüber Dunst stieg zu der niedrigen Decke auf. Die Möllern öffnete ein Fenster.
Draußen im Garten spielten Braumüller, der Schulze, Raupach, Langheinrich und noch ein paar eine Partie Kegel. Man hörte durch das offene Fenster trotz des Lärmens der Tanzenden das dumpfe Rollen der Kugeln und das polternde Geräusch der stürzenden Kegel.
Die Möllern schaute zum Himmel auf, schnüffelte in der Luft herum und zog die Nase kraus.
„Braumüller,“ rief sie zum Fenster hinaus, „das gibt wohl noch was – he?!“
„Alle neune!“ schrie in diesem Augenblick der Angerufene. „Dundersaxen, Langheinrich, du bist ein verflixter Kerl!“ ... Und dann schaute er gleichfalls zum Himmel und nickte der Möllern zu. „Ja, das gibt noch was, Mutter Möllern! Das wird ’n bißchen brummlich da hinten!“ ...
Albert war schon vor zwei Stunden nach dem Auschloß gegangen. Es war merkwürdig, daß er noch nicht zurück war. Dörthe überlegte, ob es nicht zweckmäßig sei, daß der Vater seine Abwesenheit benutzte, um mit dem alten Möller und Fritze zu reden. Sie hatte so viel zu tun, daß sie nur dann und wann einmal zum Tanze kam. Und mitten im Herumschwenken hörte sie zuweilen den Ruf der Möllern aus der Küche oder das kurze, befehlende „Dörth’!“ des Alten, der, in jeder Hand ein paar frischgefüllte Biergläser, hinter dem Schanktische stand. Mit heißem Gesicht und wogender Brust stürzte sie dann von ihrem Tänzer fort, um wieder die Gäste bedienen zu helfen.
Jetzt war eine Pause eingetreten. Man öffnete noch ein zweites Fenster, denn die Luft war zum Ersticken schwül geworden, und in den dicken Dunst warfen die drei in der Stube aufgehängten Laternen nur ein verschleiertes Licht. Eine Gruppe von Mädeln und Burschen hatte sich um Vietz geschart, der ihnen mit heiserer Stimme das Lied vorsang:
„Hans mit de Krusekragen
Stieg up de Kachelawen –
Bautz, fiel hinunger,
War des kee’ Wunger –
Wär’ he nich hinuppestegen,
Hätt’ he nich hinunnelegen!“