Das war ein herrlicher Neujahrstag. Stahlschimmernd wölbte sich der Himmel über der Landschaft. Der Schnee lag dicht, aber nicht allzu hoch, und die Sonne gleißte über die weiße Pracht. Es flimmerte und glitzerte, wohin sich das Auge wandte.
Hedda schritt durch den Garten und über den Dorfplatz, wo ein Dutzend Kinder sich mit Schlittern belustigte. Jedes einzelne trug ein Pelzkäppchen und einen roten Schal um den Hals. Als Hedda dies sah, lächelte sie. Es waren ihre Weihnachtsgeschenke, die sie sich von den Erträgnissen des Hühnerhofs abgespart hatte. Die Jungen zogen ihre Kappen ab und grüßten höflich, als Hedda vorüberschritt, und der kleinste und frechste rief ihr „Prost Neujahr!“ nach, und dann jubelten allesamt wild durcheinander ihr „Prost Neujahr!“
Der Verkehr zwischen Baronshof und Pastorat war von jeher ein herzlicher und intimer gewesen. Namentlich den derzeitigen Pfarrer hatte der Freiherr in sein Herz geschlossen. Es war dies eine eigentümliche Erscheinung, der Seelenhirt von Oberlemmingen, der Doktor von Eycken. Er stammte aus einem alten und angesehenen westfälischen Adelsgeschlecht. Sein Vater war General der Kavallerie und eine Zeitlang Gouverneur von Berlin gewesen, und auch der Sohn sollte, nachdem er sein Abiturientenexamen bestanden, die militärische Laufbahn einschlagen. So trat der junge Eycken denn in ein am Rhein garnisonierendes Husarenregiment ein, in dem fast das ganze Offizierkorps gleich ihm selbst katholisch war. Bald nachdem er Offizier geworden, erkrankte er am Typhus und wurde zu seiner Genesung für längere Zeit nach dem Süden beurlaubt. Während dieses Urlaubs verlebte er einige Monate in dem damals noch päpstlichen Rom, und gerade hier, in der Siebenhügelstadt, dem Sitze klerikaler Macht, vollzog sich ein merkwürdiger Umschwung seines seelischen Empfindens. Eycken sprach sich niemals über die Gründe aus, die ihn zu einer Zeit, da er noch ein halber Jüngling war, zur Konversion veranlaßt hatten. Sein Vater erfuhr nur, daß er in Rom in vertrautem Verkehr mit einem preußischen Edelmann gestanden hatte, der Monsignore und Kämmerer des Papstes war, und über dessen Lebensführung man sich in der Klatschgesellschaft der Ewigen Stadt allerhand erzählte. Tatsache war jedenfalls, daß Eycken nach seiner Rückkehr gegen den Willen seiner Familie, mit der er in der Folge auch vollständig zerfiel, zum Protestantismus übertrat, seinen Abschied erbat und noch nachträglich Theologie studierte.
Seit etwa fünfzehn Jahren war er Pfarrer von Oberlemmingen. Er liebte die Stille des Landlebens und hatte sich deshalb nie um eine städtische Stellung bemüht. Es schien auch, als besitze er keinen Ehrgeiz, denn sonst hätte es ihm leicht werden müssen, bei der Vornehmheit seines Namens, bei seinem tiefen Wissen und seiner hervorragenden rednerischen Begabung Karriere innerhalb seines Berufs zu machen. Nun stand er am Ausgange seines Lebens. Er war ein hoher Sechziger, freilich noch immer eine überaus stattliche Erscheinung: groß und von breiten Schultern, mit frischfarbigem Antlitz und leuchtenden Augen. In dichten weißen Locken umwallte das Haar sein Haupt; Schnurrbart und Vollbart waren ebenfalls schneeweiß und lang; so sah er wie einer jener alten Patriarchen aus, von deren das gewöhnliche Menschenalter überragendem Leben voll Wohltun und Köstlichkeit die Bibel erzählt.
Eycken war nie verheiratet gewesen. Eine alte Haushälterin führte ihm die Wirtschaft. Man erzählte sich, daß er sehr reich sei. Seinem bescheidenen und anspruchslosen Wesen und der Einfachheit seiner Lebensführung merkte man das nicht an. Dagegen half er immer und mit vollen Händen aus, wenn die Bedürftigkeit sich hilfesuchend an ihn wandte. Zuwider war ihm nur der Formalismus des Beamtenwesens; die Führung der Kirchenlisten, die Instandhaltung seiner Bücher und Rechnungen, und was dergleichen noch mehr war, besorgte ihm der Kantor gegen eine Entschädigung; mit dem Konsistorium hatte er am liebsten gar nichts zu tun. Er war denn auch „oben“ nicht sonderlich gut angeschrieben.
Die Wirtschafterin öffnete Hedda und gratulierte mit tiefem Knicks zum neuen Jahre.
„Danke, Frau Stege,“ antwortete das junge Mädchen; „so Gott will, gehen Ihre guten Wünsche in Erfüllung. Ist der Herr Pastor da?“
„Jawohl, gnädiges Fräulein, aber es ist Besuch bei ihm, – einer von den jungen Herren aus dem Auschlosse.“
Also die Nibelungenrecken waren auch wieder da. Hedda bat, sie trotzdem anzumelden.
Eycken hatte ihre Stimme schon gehört und erkannt. Er öffnete die Tür rechtsseitig des Flurgangs und rief: „Immer herein, Fräulein Hedda! Sie stören nicht! Doktor Schellheim ist bei mir und stöbert meine Bücher durch.“