„Raus!“ schrie er. „Mach, daß du rauskommst! Wie kannst du dich unterstehen, vom gnädigen Fräulein und dem – und dem da per ‚hübsches Paar‘ zu sprechen?! Ich verbitte mir deine Vertraulichkeiten! Ich habe sie lange satt! Du kannst dich zum Teufel scheren! Am liebsten gleich! Pack deine Sachen zusammen – pascholl!“
August blies noch ein paarmal in das Ofenloch und erhob sich dann ächzend. Sein Gesicht sah überaus freundlich aus.
„Ich fang’ nu auch an, alt zu werden, Herr Baron,“ erzählte er, ohne die letzten Äußerungen seines Herrn irgendwie zu beachten. „Nämlich – wenn ich mir bücke, dann knackt’s mir in allen Knochen. Und das Rheuma kommt auch wieder. Na – nu kriegen wir ja die Quelle –“
Hellstern hob die geballten Hände hoch empor und schnaufte förmlich.
„Hat jemand je ein solches Untier gesehen!“ rief er. „Die Quelle! Jetzt fängt der auch noch davon an! Ersäuf dich in ihr! Mir soll’s recht sein! Mach, was du willst! Aber geh nur ’raus! Ich kann dich nicht mehr sehen! Du bist mir greulich –“
„Ich geh’ schon,“ sagte August und nickte freundlich. Wenn der Herr ihm nicht monatlich wenigstens dreimal kündigte, fehlte ihm etwas. Es mußte alles seine Ordnung haben. Und dann ging er wirklich, zufrieden und glücklich, und Hellstern machte sich wieder, noch immer schimpfend, schnaufend und stöhnend, an seine Arbeit.
Der Schlitten sauste über die Schneebahn. Mancher im Dorfe, der zufällig am Fenster stand, schaute ihm mit ähnlichem Lächeln wie August nach. Die Bauern waren leicht geneigt, Paare zusammenzubringen; man munkelte schon lange davon, daß das Fräulein vom Baronshof einen der beiden jungen Herren vom Auschlosse heiraten würde.
Eine Viertelstunde hinter der Chaussee begann der Wald. Das war etwas Köstliches. Ein Märchenwald – ein verzauberter Hain, der aus leuchtendem Silber geschaffen zu sein schien. Auf jedem Ast und jedem Zweige und jeder Tannennadel lag der Kristallreif des Winters. Es flimmerte und glitzerte überall. Dicht am Wege standen, die Einfassung bildend, in langer Reihe hochstämmige Birken. Ihre Kronen waren wie mit Eis inkrustiert; ein glänzender Panzer hüllte sie ein. Dahinter dehnte sich Tannenforst aus, und auf dem dicken Gezweige mit seinem schweren, schwarzgrünen Nadelwerk lag noch der Schnee. Und wenn ein leiser Wind kam, dann perlte der Schnee gleich tausendfachem Edelgestein zur Erde. Hie und da hingen noch Eistropfen am Geäst, feine, dünne und zierliche, die sich langsam auflösten zu fallenden Tropfen, und schwere, armdicke, die wie aus Glas geformt erschienen. Selbst über die Moosschicht unter den Tannen spann sich ein gleißendes Spitzenwerk von Reif und Eis. Dazu heller Sonnenschein und blauender Himmel und eine köstliche Friedensstimmung: ein tiefes, heiliges Schweigen ringsum.
Das Wiehern der Pferde und das Geläute der kleinen silbernen Glöckchen am Geschirr schienen einzig und allein diese Stille zu stören. Aber auch in dem lustig tönenden Klingklang lag etwas Harmonisches; es war die Musik zu dem Waldmärchen. Die Schneedecken auf den Rücken der Pferde blähten beim eiligen Laufe sich auf wie Segel im Winde. Eine helle Dunstwolke umgab die Gäule, und der heiße Brodem, der ihren Nüstern entströmte, jagte vor ihnen her.
Die beiden im Schlitten sprachen wenig. Das gleiche Gefühl der Naturbewunderung hieß sie schweigen, bei beiden kam auch noch das instinktive Empfinden dazu, durch den Kutscher gestört zu sein. Der brave Mann ahnte das freilich nicht. Er saß in der ganzen gemächlichen Fülle seiner Persönlichkeit hinten auf der Pritsche, bis obenhin in seinen langen, hellgrauen Paletot geknöpft, einen mächtigen Pelzkragen um den Hals. Das Gesicht war völlig regungslos; er war gut gezogen.