Und seltsam genug – während dieser Fahrt durch den Wald stieg in Hedda mehrfach die Frage auf: war es vielleicht doch nicht in der Ordnung gewesen, daß sie der Aufforderung ihres gefälligen Nachbars nachgekommen war? An übertriebener Prüderie litt sie ebensowenig wie an zopfigem Konventionalismus. Sie hätte nichts dabei gefunden, mit Gunther allein meilenweit spazieren zu gehen. Und nun saß, eine merkwürdige dame d’honneur, zur Schutzwehr auch noch der Kutscher hinter ihnen. Und gerade das genierte sie so, daß sie gar nicht recht wußte, was sie sprechen und welchen Ton sie anschlagen sollte. Sie fand selbst, daß das lächerlich war, und fügte in Gedanken hinzu: aber es ist dennoch so.

„Der See,“ sagte Gunther und wies nach rechts hinüber. Durch eine Lichtung, durch die in breitem Strome der Sonnenschein wie eine Goldflut floß, sah man eine Ecke des Sees, ein großes Stück blendendes Weiß.

„O weh,“ gab Hedda zurück, „wir haben an den Schnee nicht gedacht! Werden wir da überhaupt laufen können?“

Er nickte und lächelte dabei. „Die Bucht an der Försterei ist gefegt worden,“ entgegnete er. „Ich habe über Mittag zwölf Mann hingeschickt. Es war nicht leicht, heute am Neujahrstage die Leute aufzutreiben.“

Hedda rümpfte unwillkürlich ein klein wenig die Nase. Das gefiel ihr nun wieder nicht. Es klang so, als hätte er sagen wollen: mit Geld kann man alles machen. Und dann ärgerte sie sich wieder über sich selbst; es war klar, daß sich Doktor Schellheim bei dieser Bemerkung gar nichts gedacht hatte.

Nun senkte sich der Weg und beschrieb einen kurzen Bogen nach links. In der Schlucht lag der Schnee noch zu dichten Haufen. Der Sturm hatte mit mächtigem Odem hineingeblasen, ihn hier fußhoch geschichtet und dort wieder die braune Erde reingefegt.

Dann lichtete sich der Forst. Drüben lag, inmitten überschwemmter Wiesen, die Försterei, und in lang geschwungener Kurve dehnte der See sich aus. In der Ferne sah man die niedrigen Häuserreihen von Döbbernitz, und auf der Höhe dahinter das Schloß, ein burgartiges altes Gebäude, das noch aus der Zeit der Templer stammte und in dem jetzt der Baron Zernin mutterseelenallein hauste, immer auf der Hut vor seinen Gläubigern und den Gerichtsvollziehern, die ihm bös zusetzten.

Der Schlitten hielt. Gunther gab dem Kutscher den Befehl, langsam im Walde umherzufahren und sich nach einer Stunde wieder einzufinden. Dann wandte er sich an Hedda. „Darf ich Ihnen helfen?“ fragte er und deutete auf die Schlittschuhe, die sie am Arm trug.

Sie dankte und begann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen. Gunther hatte die Pelzdecke aus dem Wagen genommen und sie über einen Baumstumpf am Seeufer gebreitet. Hedda setzte sich, aber sie war ungeschickt.

„Ich werde doch helfen müssen!“ rief Gunther lachend. Und schon kniete er vor ihr; die Arbeit war schnell gemacht.