Ein eigentümliches Empfinden überschlich Hedda. Sie sah zum ersten Male einen Mann zu ihren Füßen. Es war ein gewisser pikanter Reiz, der sie durchströmte, aber dabei schalt sie sich töricht, wie vorhin, als die Gegenwart des Kutschers sie genierte.

Beide flogen über das Eis. Sie waren gewandte Läufer. Unter dem Stahl ihrer Sohlen klang die glitzernde Fläche leise metallisch; es war wie ein fernes Singen. Das Eis war in weitem Umkreise blitzblank gefegt; es lief sich prächtig.

Gunther hatte Hedda den Arm geboten, doch sie schlug vor, sich zunächst einmal allein „auszutoben“. Es war ein entzückendes Bild, wie sie über den hellen Spiegel sauste, in dem die Sonnenstrahlen sich leuchtend brachen. Gunther, der sie in weit ausholenden Kurven umkreiste, wurde nicht müde, sie anzuschauen. Sie hatte die Arme über der Brust verschränkt und den Kopf ein wenig zurückgeworfen. Auf dem dunkelblonden Haar saß die Pelzkappe; das Antlitz war lebhaft gerötet von der kalten Luft, und die Augen blitzten im Wonnegefühl der eignen Kraft.

Ringsum lagen die Waldhänge unter weißer Schneedecke. Ein Schwarm Krähen strich durch die Luft. Vom stählernen Blau des Himmels hob sich ihr Gefieder haarscharf ab. Der See buchtete sich nach Döbbernitz zu in schlankem Bogen ein. Man konnte nicht sehen, wo er endete; er verlor sich zwischen den Bergen, die im Westen höher wurden. Eine weiße Wolkenschicht hatte sich hier gebildet, dicht über dem Horizont, und so sah es aus, als steige der kleine märkische Höhenrücken in weiter Ferne zu ragenden Gletschern empor.

„Aufgepaßt!“ rief Hedda plötzlich. Aber es war zu spät. Die Bogen der beiden Läufer kreuzten sich; Hedda und Gunther sausten sich in die Arme. Beide stürzten. Gunther war außer sich; er bat „tausendmal“ um Entschuldigung und wollte Hedda aufhelfen. Dabei fiel er zum zweiten Male hin. Nun lachte Hedda fröhlich auf. Sie stand schon wieder auf ihren Füßen und reichte Gunther die Hände.

„Halten Sie fest!“ rief sie, – „so!“ – und nun stand auch er.

„Wie war das gekommen?“ fragte er verlegen, und sie lachte abermals.

„Mein Gott, wie soll es gekommen sein?“ gab sie harmlos zurück. „Ich taxiere, wir waren beide schuld. Aber was schadet es? – Haben Sie sich verletzt?“

Er fühlte einen leichten Schmerz am Knöchel; eine Sehne mochte sich gezerrt haben.

„Nur unbedeutend,“ antwortete er; „es wird sich geben, wenn ich erst wieder in Bewegung bin.“