„Ich denke mir,“ begann Gunther von neuem, „daß es Ihnen zuweilen recht einsam auf dem Baronshof werden muß. Die Umgegend bietet meines Wissens nicht allzuviel Verkehr.“
„Nein, sehr wenig. Papa ist das recht, – er ist ein Fanatiker der Einsamkeit. Und ich muß sagen, daß ich das Wohlempfinden des Alleinseins verstehe. Ich habe auch genug im Hause zu tun und kann über Langeweile nicht klagen. Aber zuweilen sehne ich mich doch stark in die Welt hinaus, vor allem nach neuen Anregungen; mir ist dann und wann, als verengere sich mein Gesichtskreis mehr und mehr. Möglicherweise reise ich im Februar oder März auf ein paar Wochen nach Berlin; ich freu’ mich darauf.“
„Haben Sie Verwandte in Berlin?“
„Eine Tante, die mich alljährlich einladet, und der ich bisher alljährlich abgeschrieben habe. Ich habe immer Sorge, den Papa allein zu lassen. Aber nun kommt auch noch ein Vetter von mir nach der Hauptstadt.“
Das interessierte Gunther besonders. Er horchte auf, als Hedda von Herrn Axel auf Jarlsberg zu erzählen begann; sie sei neugierig, ihn kennen zu lernen – er habe schon früher einmal dem Papa sein Bild geschickt: ein schmales, vornehmes Gesicht mit einer kleinen Hiebnarbe auf der rechten Wange.
Gunther biß die Zähne zusammen. Da sie von dem Vetter sprach, tat ihm das Herz weh. Warum, warum? fragte er sich – sie kennt den Herrn Axel ja noch gar nicht! Wie lieb mußte er das Mädchen gewonnen haben, daß ihn schon die Erwähnung eines gleichgültigen andern mit Eifersucht erfüllte!
Aber nein, sagte er sich, dieser Vetter ist kein „gleichgültiger andrer“. Ganz gewiß nicht! Er ist reich und gehört mit zur Sippe – das fällt beides in die Wagschale.... Es war wie ein Angstgefühl, das dem jungen Manne plötzlich die Kehle zuschnürte. Man hatte auch ihn schon mit Heiratsplänen bestürmt. Wie es hie und da in Kaufmannskreisen Sitte zu sein pflegt, war er auf dies und jenes Mädchen aufmerksam gemacht worden, „gute Partieen“ und meist hübsche und wohlerzogene Fräulein, bereit, ohne nachzudenken dem die Hand zu reichen, den die Eltern erwählt hatten. Aber er dankte für eine „gute Partie“ in kaufmännischem Sinne; er hatte das nicht nötig. Es war sein Traum, einmal in eine wirklich vornehme Familie hineinzuheiraten. Das war seltsam genug bei einer so ruhigen, verhältnismäßig abgeklärten Verstandesnatur wie Gunther, bei einem Manne, der sich gut bürgerlich fühlte und im Adel durchaus keine Menschenklasse sah, die höher stand als jene, der er zugehörte. Und doch kam er nicht über diesen Gedanken hinaus; es war eine Idee, an der er mit gleicher Zähigkeit festhielt wie seinerzeit an dem Plane, studieren zu wollen. Denn auch der hatte schwere Kämpfe gekostet; der Vater wollte, daß er die Fabrik in Manchester übernehme, deren Betrieb dringend einer Vergrößerung bedurfte, und war unglücklich darüber gewesen, daß Gunther sich einen so völlig aus der Sphäre fallenden Beruf erwählte. Und vielleicht war es gerade das Bedürfnis, aus dieser Sphäre herauszukommen, das ihn an dem Gedanken einer „vornehmen“ Partie festhalten ließ. Er war viel zu klug und zu rechtschaffen vor sich selbst, um nicht die Tüchtigkeit und alle die andern guten Eigenschaften der Kreise seiner Eltern billig anzuerkennen. Aber es war immer dasselbe; die Interessengemeinschaft verdichtete sich gewissermaßen zu bleierner Langeweile; sie wurde zu Fesseln, unter denen man sich nicht zu regen vermochte.
So wenigstens erschienen Gunther die Verhältnisse. Er hielt sich deshalb auch gesellschaftlich ziemlich zurück – schon um den immer wiederkehrenden Fragen, wann er sich zu verheiraten gedenke, zu entgehen. Und dann lernte er Hedda kennen. Er sträubte sich zunächst gegen das Gefühl seines Herzens, obwohl er sich beim ersten Begegnen zugestanden hatte: das wäre eine Frau, wie du sie dir wünschest. Aber die Liebe erwachte stärker und wurde größer in der Zeit, da er Hedda nicht sah. Er überlegte, ob er eine Werbung wagen dürfe. Und weshalb nicht? sagte er sich. Über kleinlichen Adelsstolz ist man in unsern Tagen hinaus; ich habe eine gute Karriere vor mir, bin wohlhabend und jedenfalls kein Monstrum von Häßlichkeit.... Doch da er Hedda abermals gegenübertrat, verlor er den Mut. Vielleicht lag es nur an ihrer äußeren Erscheinung, daß sie einen so unnahbar stolzen Eindruck machte ...
Während er weiter an ihrer Seite über die Eisfläche glitt und zerstreut mit ihr über hunderterlei plauderte, überlegte er nochmals und ernsthaft. Der nahende Vetter hatte ihn erschreckt. Es war das beste, ihm zuvorzukommen. Aber – nun kam die Verlegenheit. Was war richtiger: ein Fußfall, ein rasches Geständnis, so eine Art Überrumpelung – oder eine ruhige Aussprache der Väter. Das letztere war in Kaufmannskreisen üblich; da hatten gemeinhin die Väter das entscheidende Wort zu sprechen. Und auch hier, in seinem Falle, erschien es Gunther als das würdigste. Er konnte unmöglich in Schnee und Eis vor ihr niederknieen und ihr in der Kälte des Tages von der Glut seines Herzens sprechen. Das dünkte ihm lächerlich. Die Situation eignete sich nicht zu intimen Geständnissen – nein, ganz gewiß nicht. Ja, wenn es Sommer gewesen wäre und er allein mit ihr im Walde, bei Sonnenuntergang und Vogelsang – da hätte sich leichter der rechte Augenblick gefunden. Aber nicht jetzt; auch abseits von sentimentaler Romantik gibt es Momente, in denen die Poesie ihr unbedingtes Recht fordert ...
An all dies dachte Gunther mit der Peinlichkeit eines gewissenhaften Gelehrten. Er war sogar stolz darauf, daß er sein Herz zu zügeln und abzuwarten verstand. Er zwang sich, korrekt zu sein. Noch eins hielt ihn davon ab, sich auf der Stelle auszusprechen. Er begann plötzlich heftig zu niesen. Er mußte sich erkältet haben; er nieste ein dutzendmal hintereinander, und nach einem kleinen Weilchen begann er von neuem; ein Riesenschnupfen war da. Wäre es nicht schrecklich gewesen, wenn dieser dämonische Niesreiz ihn mitten in seinem Geständnis überfallen hätte? – Gunther legte sich diese Frage allen Ernstes vor; der Gedanke, komisch zu wirken, war entsetzlich für ihn.