Unter fröhlichem Läuten ging es durch den Wald zurück. Der schaute jetzt anders aus als bei der Herfahrt im Sonnenschein. Die tiefer fallende Dämmerung ließ den Schnee einförmig und grau erscheinen. In der Wiesentrift rechter Hand brodelten die Nebel auf und zogen wie zerrissene Schleier zwischen den Stämmen hindurch. Und obwohl am Himmel sich nur ein kleiner Schwarm heller Wölkchen gesammelt hatte, perlte doch ein zarter Schnee durch die Luft und näßte die Gesichter der beiden.

Gunther ließ erst auf den Baronshof fahren und setzte Hedda ab. Sie rief ihm ein freundliches: „Schön’ Dank und gute Besserung!“ zu und stieg die Treppe zur Veranda hinauf. Dann klingelte das Gespann weiter. Gunther nieste und ärgerte sich; er war aus der Stimmung gekommen.

Sechstes Kapitel

Der zweite Tag im neuen Jahre war ein Sonntag. Seit der Frühe hatte es stark geschneit. Auf dem Anger lag das weiße, flockige Naß fußtief. Trotz des Feiertags war die halbe Gemeinde am Platze, Schnee zu schippen, damit wenigstens der Weg zur Kirche frei war. Es ging lebhaft und heiter zu bei der Arbeit. Die Schnapsflasche des alten Maracke kreiste in der Runde, und dann mußte Anton Tengler nach dem Kruge springen, sie neu füllen zu lassen.

Mitten in der Arbeit hielt man plötzlich inne und blickte auf. Albert Möller schritt über den Dorfplatz, in hohen Wasserstiefeln und Pelz, und neben ihm ein Fremder, ein großer Herr mit einem Zwicker auf der Nase und in langem Kaisermantel. „Schlippermilch“ wollte wissen, daß das ein Baumeister aus Frankfurt sei, der Kompagnon Alberts. Man zerbrach sich den Kopf, was der Fremde wolle. Seine scharfen grauen Augen spähten unter den goldumränderten Gläsern rastlos umher. Von Zeit zu Zeit blieben die beiden stehen und sprachen halblaut miteinander, lebendig gestikulierend, hierhin und dahin weisend. Und dann schritten sie an den arbeitenden Büdnern vorüber; der Baumeister grüßte tief und höflich, Albert nickte nur.

Sicher handle es sich wieder um die Quelle, meinte der junge Raupach, und alle stimmten zu. Noch im Herbst war die Quelle „gefaßt“ worden, ohne sonderliche Feierlichkeit; Albert hatte dies mit einigen Leuten allein besorgt. Aber man sprach davon, daß zu der Einweihung im Mai auch der Regierungspräsident kommen wolle, für die meisten Bauern eine mystische Persönlichkeit, vor der sie großen Respekt hatten. Und dann hatte das Dorf den ganzen Winter hindurch eine Unzahl fremder Leute gesehen. Eines Tages waren drei Ärzte erschienen, die ihre Nase überall hinstecken mußten, und später wieder ein jüdisch aussehender Herr, der mit dem Kommerzienrat durch Oberlemmingen fuhr, und schließlich eine ganze Kommission, die unter Anführung von Albert im Buchenhain auf der Grauen Lehne allerhand Abmessungen vornahm, Pfähle einschlagen und Wegstreifen durch Pflöcke bezeichnen ließ.

An den Sonntagabenden, wenn das Schankzimmer im Kruge sich zu füllen begann, wurde fast nur von der Quelle gesprochen. Eine brennende Neugier erfüllte alle, zu wissen, was denn nun eigentlich werden würde. Aber die Möllers waren zurückhaltend; sie sprachen nur in Andeutungen, und höchstens sagte Fritz dann und wann, man solle nur abwarten, Oberlemmingen würde reich werden, oder, das mit der Quelle sei eine große Sache, und was der schmunzelnd hingeworfenen Bemerkungen mehr waren. Mit dem Reichwerden waren die Bauern sehr einverstanden; geldgierig waren sie alle. Doch wie ihnen die Quelle zu diesem Reichtum verhelfen sollte, darüber zerbrachen sie sich die Köpfe.

Eines Tages versammelten sie sich vergeblich vor dem Kruge; sie wurden nicht eingelassen. Fritz trat lachend vor die Tür und erklärte ihnen, die Wirtschaft sei für ein paar Tage geschlossen, er wolle das Haus renovieren lassen. Das erregte einen förmlichen Aufstand im Dorfe. Aus den „paar Tagen“ wurden ein paar Wochen. Die Bauern hatten keine Kneipe mehr. Da die Möllers sie aber nicht gänzlich als Kunden verlieren wollten, so wurde ein leerstehender alter Stall als Schankstube eingerichtet. Und wenn die Bauern fragten: „Sind die Handwerker denn immer noch im Hause?“ so nickte Fritz und erwiderte, es sei gar zu viel zu tun. Tatsächlich war aber bald nach Weihnachten schon wieder alles in Ordnung; Fritz wollte nur nicht, daß die Bauern ihm die neutapezierte, gedielte und gebohnerte Schankstube wieder verschmutzten – der Stall war für sie ebenso gut. Da konnten sie spucken, wohin sie wollten, und wenn einer einmal ein Glas Bier umwarf, so kam es auch nicht darauf an. –

Auf dem Auschlosse kam es an diesem Sonntag schon beim Morgenfrühstück zu einer erregten Szene.

Gunther erschien etwas blaß und übernächtig in der Halle, setzte sich mit kurzem Gruße zu den Eltern an den Tisch und schickte den Diener hinaus.