„Und dann kommen Sie hierher in die Weite,“ lachte Lore Hansohm und zeigte auf das kleine Geviert des Stübchens.

„Aber wie Sie es sagen, Herr Direktor, so glaubt man’s Ihnen.“ Klaus Hansohm bot ihm eine Zigarre.

„Wo denken Sie hin?“ wehrte Sörensen ab. „Ich bin zu Schubertliedern eingeladen, dabei wird nicht geraucht. Auch fröne ich nicht der Zigarre, sondern stopfe mir in krausen, unmutigen, schweren Stunden eine Pfeife, — beileibe nie in behaglichen. Die Pfeife bringt mir erst Ruhe und Frieden. Aber jetzt und hier ist mir urbehaglich zu Sinn.“

Lore Hansohm sah dankbar zu dem Riesen auf. Sie fühlte, daß er mit den freundlichen Worten nur an ihr Wohl und an die Rücksicht dachte, die man einer Vielleidenden schuldig sei. Bruder Klaus rauchte nie in ihrer Gegenwart.

Hansohm sang, und seine köstliche Stimme trug die Zuhörer in eine andere Welt. Dann setzte Sörensen wieder den Bogen an und spielte Bach und Mendelssohn und kleine, feine Sachen von Grieg.

Und Fräulein Doktor meinte, wenn aller Schulärger solchen Ausgang hätte, dann möchte sie wohl gern auf Dornen gehen. Sie wurde weidlich von beiden Herren ausgelacht, aber Lore Hansohm nickte ihr strahlend zu, und zu Sörensen sagte sie mit ihrem lieben, sanften Lächeln: „Ich fange jetzt erst an zu leben.“

So rührend klang ihr Geständnis, daß der Bruder sich rasch abwandte, um seine Bewegung zu verbergen.

Als es zehn Uhr schlug auf der kleinen Diele, sprang Fräulein Doktor auf. „Ich bitte mir aus, daß es hier nicht immer so unverschämt gemütlich ist, um zehn Uhr muß ich in meiner Mansarde sein, sonst kann Fräulein Tingleff nicht einschlafen, die unter mir wohnt. Ihr zuliebe habe ich mir wollene Schuhe gestrickt, und husche so auf leisen Sohlen durch meine Räume.“

„Ist die Dame solche liebevollen Rücksichten wert?“ fragte Sörensen. „Aus dem Kollegium hörte ich einige recht harte Urteile über sie...“