„Sie ist eines der wenigen Originale unserer Stadt. Unliebenswürdig im höchsten Grade und ebenso liebenswert. Merkwürdigerweise macht man ja einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen.“
„Stachlig ist sie, aber herzensgut,“ sagte Hansohm. „Sie prunkt mit ihren Stacheln und schämt sich ihrer Herzensgüte. Ich lernte sie kennen, als der Flügel im Singsaal aufgestellt wurde. Zuerst behandelte sie mich ganz als Schuljungen, aber jetzt nennt sie mich Herr Oberlehrer, nur um ihre Hochachtung zu bezeugen.“
„Wenn ich noch lange hier stehe,“ drängte Fräulein Doktor, „verliert sie aber den letzten Rest Hochachtung vor mir, und das wäre vom Übel. Guten Abend und Dank!“
„Halt, — ich gehe mit,“ rief Sörensen, „halten Sie mich für einen Kanadier?“
Dora Stavenhagen war schon ein Stück voraus, aber seine langen Schritte holten sie rasch ein. „Ja, dies Birkholz im Mondschein ist etwas Bezauberndes,“ rief er ihr zu. „Ich werde Hansohm sagen, er soll seinen Schemel auf die Straße setzen und den Hans Sachs singen ... Schade, schade, daß Sie nicht noch viel weiter wohnen,“ setzte er harmlos hinzu, „heute wäre recht ein Abend zum Wandern.“
„Du großes Kind,“ dachte Fräulein Doktor, „dich wird Birkholz noch ordentlich in die Schule nehmen.“
Aus dem Rathauskeller kamen etliche Herren vom Weinschoppen. Sie grüßten und der kurzsichtige Sörensen dankte. „Haben Sie viel Freunde und Bekannte im Städtchen, Fräulein Doktor?“
„Könnt’ ich nicht sagen. Das Kollegium, Fräulein Tingleff und meine Bücher. Oder richtiger: Meine Bücher, Fräulein Tingleff und das Kollegium.“
„Das ist schade. Das Kollegium sollte zuerst kommen ...“
„Noch vor den Büchern? Bei Ihnen sicherlich nicht, Herr Direktor.“