„Das weiß ich denn doch nicht so genau. Die Bücher sollten die Menschen nicht ersetzen. Wenigstens nicht dem Lehrer. Und ich gestehe Ihnen in dieser verschwiegenen Mondscheinnacht, daß mir von meinen Ahnen eine ungeheure Fülle von Menschenliebe überkommen ist. Da ‚kann ich nicht gegen an‘, wie meine Wirtschafterin zu sagen pflegt.“

„Menschenliebe? Hm. Ja, zu den werdenden Menschen. Ich bin allen Kindern unbeschreiblich gut. Den großen Leuten nicht.“

„Sie machen sich unguter, als Sie sind. Man braucht nur zu sehen, wie Sie mit Fräulein Lore Hansohm umgehen ...“

„Die rechnet nicht. Die Weise, ihre Krankheit zu tragen, ist schon engelhaft. Der große Junge Hansohm wird bald einen guten Fürsprecher beim Herrgott haben...“

„Halten Sie das Leiden für so ernst?“ fragte Sörensen.

„Für sehr ernst. Das Herz flattert nur noch mühsam in seinem Käfig... Klaus Hansohm weiß es schon lange. Deshalb sieht er der Schwester ja alles an den Augen ab, und — ich habe gesehen, wie er sie einmal abends nach einem Anfall in der Stube umhertrug.“

„Die man liebt, auf Händen tragen...“ sagte Sörensen leise, „Kollege Hansohm ist ein sehr glücklicher Mensch.“

„Herr Direktor, wir wandern jetzt schon das zweitemal um den Marktplatz herum, es wird Zeit, daß ich hinaufgehe.“

„Wie zerstreut ich bin. Hoffentlich finden Sie gleich die Wollschuhe. Damit Fräulein Tingleff nicht schilt.“ Er lachte leise und drückte ihr fest die Hand. „Gute Nacht!“

Fräulein Doktor stieg ganz sacht die breite, altertümliche Treppe im Hause Dingelmann und Sohn empor. Aber auf dem zweiten Stockwerk knarrte es doch bedenklich unter ihren festen Füßen, und eben wollte sie die Mansarde erklimmen, als sich die Haustür neben dem weißen Porzellanschild Tingleff öffnete und eine feste Hand sie packte, so daß Fräulein Doktor einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.