„Hansohm, geht auch nicht Ihre Phantasie mit Ihnen durch?“

„Ich bin nur Berichterstatter,“ verteidigte er sich. „Bis jetzt ist sie nur stumm und mürrisch dahingeschritten, aber sehen Sie, jetzt stürzt sie sich auf die Nissen. Die hat sich eben ein riesiges Triangel in ihr Neustes eingerissen, — das ist so was für Frau Professor Traute.“

„O, was hat doch der liebe Gott für Kostgänger!“ seufzte Fräulein Doktor. „Aber wir sind auch nicht die besten Brüder. Wir hecheln hier das Kollegium durch, anstatt uns am Direktor ein Beispiel zu nehmen. Sehen Sie nur, er gesellt sich zur Nissen und Frau Traute.“

„Waghalsiger! Nein, ich gehe haushälterischer mit meinen Kräften um, der Tag ist noch lang. Aber sehen Sie, der Gast wendet sich bereits mit Grausen. Selbst der Goliath Sörensen ist dieser Doppelfirma nicht gewachsen. Ahhh, er steuert auf uns zu. Was geben Sie mir, Fräulein Doktor, wenn ich Sie eine halbe Stunde mit ihm allein lasse?“

„Einen Klaps!“ rief noch Dora Stavenhagen erschrocken, aber es war zu spät. Lehrer Hansohm hatte sich schon zu Frau Professor Rasmussen gesellt, einer feinen, älteren Frau, die ihm sofort von „ihrem Hans“ erzählte, der mit Hansohm einst zusammen das Gymnasium besuchte, bis das Seminar trennend zwischen die Schulfreunde getreten war.

Direktor Sörensen begrüßte Fräulein Doktor fröhlich und schritt plaudernd neben ihr. „Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, wie Ihnen unser kindlicher Ostersonntag bekommen ist,“ sagte er. „Es war für mich wie im Märchen. Eine gütige Fee hatte uns alle in Kinder verwandelt, wenn sie auch anstatt im silbergestickten Elfengewand im braunen Seidenkleide des alten Fräulein Tingleff erschien.“

„Ist sie nicht ein Prachtmensch?“ fragte Fräulein Doktor zerstreut und hörte kaum auf die Antwort. Denn sie hatte mit Befremden bemerkt, wie geflissentlich man die Schritte verschnellert hatte, um sie und Sörensen zu isolieren. Hansohm pflückte weitab für Frau Professor Rasmussen einen Wacholderstrauß. Dann aber schalt sie sich einfältig, über törichte Möglichkeiten zu grübeln, anstatt das Beisammensein mit dem wertvollen Menschen auszukosten. Sie schüttelte ihre Befangenheit ab.

„Herr Direktor, haben Sie schon einmal Gelegenheit gehabt, unsere zweite Klasse während der Ferien zu sehen? In ihrem ganzen Stolz, vollzählig in die erste Klasse versetzt zu sein? Mir begegnete Telse Lüders, bei der hatten wir uns ja alle den Kopf zerbrochen, ob es möglich sei, sie nur ihrer schönen Augen wegen zu versetzen. Bis das Kollegium seine sämtlichen schönen Augen zudrückte und sie mit rüber nahm. Dafür hat sie den gesamten Lehrern eine Ballade gewidmet, die ist nicht von Pappe. Und sie grüßte mich heute auf der Straße mit dem Kopfneigen einer jungen Prinzessin, — nur so eben gerade, — weil ich sie jetzt ‚Sie‘ nennen muß.“

„Ja, die Backfische sind ein Studium für sich,“ meinte Sörensen. „Was sagen Sie im Gegensatz zu Ihrer Geschichte dazu, daß die Klasse mir eine feierliche Bittschrift eingereicht hat, sie ferner ‚Du‘ zu nennen, ‚bis es nicht mehr ginge‘, wie der kühne Schlußsatz lautet.“

Fräulein Doktor strahlte. „Es ist eine absunderliche Gesellschaft. Nach Schema F ist da keine geraten. Haben sie denn alle unterschrieben?“