„Daran fehlt’s nicht,“ sagte Hansohm. „Aber ich denke an die Agnes Asmus. Die sitzt in der Dunkelheit ihrer erbärmlichen Straße. Zu Lore zu kommen, hat man ihr verweigert, seit die Eltern erfuhren, daß wir neulich ein wenig Vorsehung gespielt haben.“
„Hansohm, können einem da nicht Krallen wachsen?“
„Ja wahrlich. Ich komme mir oft schon wie der Hoffmannsche Struwwelpeter vor. Und besonders, wenn ich sehe, wie der kinderlose Kahl den Kollegen Asmus in seiner hirnverbrannten Pädagogik unterstützt.“
„Kahl und Pädagogik!“ rief Fräulein Doktor wegwerfend. „Wissen Sie, wie er überhaupt dazu gekommen ist, Lehrer zu werden?“
„Nein, das ist wohl jedem schleierhaft. Ich denke mir, das Birkholzer Lyzeum just unter dem Direktor Clausen war die einzige Stätte im Deutschen Reich, wo er seine Unkenntnisse verwerten konnte.“
„Hansohm, Sie sind das reinste Reibeisen. Und wir andern, die wir auch schon unter Clausen segensreich wirkten?“
„Wir hatten alle unsere Gründe. Muß ich jeden einzeln nennen?“
„Nein, ich weiß Bescheid,“ nickte Fräulein Doktor ernst. „Was ist übrigens Frau Professor Traute für ’ne Frau? Es ist ganz interessant, sie mal alle hier im Grünen beisammen zu haben. Daß Frau Kahl eingeschüchtert, gedrückt und jasagend ist, weiß ich noch von früher und wundere mich nur, daß sie sich bei dem Manne nicht längst aufgehängt hat. Es gehört ein Grad von persönlichem Mut dazu, die Frau dieses Menschen zu sein, den ich jedenfalls nicht aufbringen könnte.“
„Vielleicht hat sie ein Gelübde getan,“ meinte Hansohm lachend. „Übrigens fragten Sie mich nach Frau Traute. Sie ist heute undurchdringlich. Ich habe sie nur schweigen hören. Im übrigen gehört sie zu den Menschen, die sich nie freuen können, weder mit sich selbst, noch mit andern. Mein Gewährsmann ist Fräulein Tingleff. Die sagt, Frau Traute nährte sich von Unglücksfällen. Jedes glückliche Haus sei ihr verhaßt, eine strahlende Braut, ein seliger Bräutigam bedeute einen Pfahl in ihrem Fleisch. An dem Tage, da das Bankgeschäft von Manheimer fallierte, habe ihr Frau Traute den ersten Besuch gemacht, um ihr die Schreckensbotschaft zu bringen in der Annahme, daß Fräulein Tingleff ihr Geld dort habe. Da sich dies als ein Irrtum erwies, habe sie sich verärgert zurückgezogen.“