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Das Lehrerkollegium hatte sich zu einem längeren Spaziergang nach den „sieben Steingräbern“ verabredet. Es war in diesen Osterferien niemand verreist, und so fand die Anregung lebhaften Anklang. Das in der Nähe der Steingräber gelegene Wirtshaus „Zum Birkenpilz“ wollte für gute Verpflegung sorgen, und Klaus Hansohm, den man als Jüngsten zum Vergnügungsdirektor ernannt hatte, machte treulich jeden Tag den stundenweiten Weg, um seinem Amt gerecht zu werden. Seine Schwester Lore freilich, die ließ er heute bei einer Handarbeit und einem guten Buch zu Hause zurück, auch mußte er „seinen Sörensen“ entbehren, der sich der Allgemeinheit widmete. Man sah dessen hohe Gestalt neben der kleinen, vergrämten Frau Oberlehrer Kahl wandern und hörte sein sonores Lachen.
Klaus Hansohm hatte sich seinen Platz neben Fräulein Doktor gesichert. Professor Traute ulkte ihn daraufhin ziemlich plump an, aber er parierte schlagfertig: „Herr Professor, ich zeige ja damit nur, wie sehr ich hoffe, daß das Akademische auf mich abfärbt. Und bei einer Dame geschieht es natürlich sanfter, als wenn ich den Weg in Ihrer schätzenswerten Gesellschaft zurücklegte.“
„Dor rük an,“ lachte Fräulein Doktor. Und als Traute sich ärgerlich entfernt hatte, meinte sie: „Sehen Sie mal, Kollege, wie die Parteien so hübsch gesondert marschieren. Mir tut der Direktor schändlich leid. Was gibt er sich für Mühe, die krausen Köpfe unter einen Hut zu bringen.“
„Die krausen sind noch die besten,“ brummte Hansohm und zeigte auf seinen eigenen vollen Scheitel, „aber die kahlen, — Gott soll mich bewahren. Und sehen Sie, wie unser Sörensen sich der schüchternen Frau Kahl annimmt. Die wird den heutigen Tag mit Rotstift buchen, und ihr Mann wird morgen doppelt greulich zu ihr sein.“
„Guter Gott,“ rief Fräulein Doktor, „können Sie sich den Kahl überhaupt vorstellen, daß er mal verliebt war? Mal geworben hat? Mal den Ritter spielen mußte? ‚Kahl‘! Ich finde, schon der Name paßt, wie angegossen. — Kahl von allen Idealen, bar jeglichen Reizes...“
Hansohm stieß einen Pfiff aus. „Der Kahl soll früher den Schwerenöter gespielt haben...“
„Sie fabeln, Hansohm. Der Mann ist nur aus Neid, Gift und Galle zusammengesetzt. An der Stelle des Herzens sitzt die Anciennitätsliste.“
„Und doch hätte Molière seinen Tartüff nach ihm formen können...“
„Kollege, wenn Sie so orakeln, gefallen Sie mir gar nicht. Auch machen Sie an diesem Frühlingstag ein Gesicht, als hätte Ihnen die gute Lore nicht genug Mittagessen gegeben.“