Sörensen lachte über ihre Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder auf diese Frage zurückkam.

„Herzlich einfach. Ich fragte das junge Mädchen und es antwortete freimütig. ‚Ach, ich habe mich ja jahrelang auf das Sie so gefreut. Die Zeit konnt ich kaum erwarten. Nun sollt ich plötzlich meinen Herzenswunsch drangeben. Das wollt ich nicht.‘ Es klang überzeugend ehrlich. Und ich habe mich an jenem Abend im ‚Siesagen‘ geübt, und wenn ich mich versprach, mahnte sie mich ernsthaft.“

Wie der Mann jung geworden ist in den wenigen Monaten, dachte Fräulein Doktor. Es muß in erster Linie die Freundschaft mit dem frischen Hansohm sein. Der hat mich ja auch auf dem Gewissen. Ich war auf dem besten Wege, eine verschrobene, alte Jungfer zu werden... Oder sollte wirklich die sonnige Sörine einen starken Einfluß auf den so viel älteren Mann ausüben?... Dora Stavenhagen geriet ins Grübeln...

Das rote Dach des Gasthauses tauchte auf. Von weitem leuchteten schon die weißgedeckten Tische unter den grünen Tannen. Das starke Aroma eines guten Kaffees und die Streusel- und Obstkuchenberge wirkten liebenswürdig auf jedes Gemüt. Man hieß einander lachend willkommen.

Nur Kahl raunte Fräulein Doktor zu: „Wann kann man gratulieren?“ und empfing einen abweisenden Blick. Und Frau Professor Traute fragte den Direktor: „Wissen Sie, daß in Ihrer Dienstwohnung der Schwamm ist? Ihre Vorgänger sind alle am Gelenkrheuma eingegangen.“

„Welch grausame Perspektive, gnädige Frau. Ich weiß davon aber nichts, fand lauter neue Parkettfußböden und tadellose Zentralheizung vor. Nein, nein, so bald werden Sie mich nicht los.“ Vor seinem frohen Lachen zog sich Frau Traute zurück.

Es wurde eine sehr gemütliche Kaffeestunde. Da sich Sörensen an das unterste Ende setzte, konnte die Würde nicht so streng gewahrt und durchgeführt werden, und als Hansohm seine Tasse vorzeigte, auf welcher „dem lieben Großpapa“ stand, wachte eine gesunde Fröhlichkeit auf. Fräulein Doktor saß zwischen Professor Rasmussen und Hansohm. Das gab einen reinen Dreiklang. Rasmussen war in seinen jüngeren Jahren viel krank gewesen und von seiner Gattin in aufopferungsvoller Weise gepflegt worden. Seitdem war er ihr in einer huldigenden Dankbarkeit zugetan, die fast an die alte Ritterzeit gemahnte. Viele lachten im Kollegium und auch im Städtchen über den alternden Liebhaber, der seine gleichaltrige Frau, mit der er längst die silberne Hochzeit gefeiert, umwarb und betreute wie kaum ein Bräutigam die eben Erkorene. Für Fräulein Doktor hatte der Anblick etwas Rührendes. Sie dachte an die Ehe ihrer Eltern, an den immer kränkelnden Vater, der die persönlichen Opfer seiner Frau nur als ihm gebührenden Tribut hingenommen hatte. Nun war sie im anregenden Gespräch mit dem älteren Kollegen, dessen ganzes Wesen abgeklärte Ruhe und volle Behaglichkeit atmete. Sah er doch, wie Direktor Sörensen in seine Fußtapfen trat und seine, Rasmussens Frau umhegte und umsorgte, ihr Kaffee einschenkte und die leckersten Stücke auf den Teller legte.

„Mir ist zu Sinn, als sei unser Lyzeum aus Dornröschenschlaf erwacht,“ sagte er herzlich zu seiner Nachbarin. „Prinz Sörensen kam zu rechter Zeit.“

„Meinen Sie wirklich, daß alle wach sind?“ fragte Fräulein Doktor zweifelnd.

Rasmussen beugte sich humorvoll lächelnd näher und flüsterte: „Vielleicht wartet der Küchenjunge Kahl noch auf seine Ohrfeige.“