Ich will Lisette sprechen. —
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In der Galgenstraße stand ein kleines, sauberes Wirtshaus „Zur Erholung“. Der Name war etwas kühn gewählt, denn es hastete tagaus, tagein durch seine Türen, und auch drinnen war allezeit ein überreges Treiben und Lärmen von der springlebendigen Wirtin an bis zum lautstimmigen, gewalttätigen Hausknecht hinunter. Aber Wirt und Wirtin hatten diesen Namen nun einmal gewählt. Sie waren Anfänger und hofften durch regen Fleiß ihr Wirtshaus in der billigen Galgenstraße so weit in die Höhe zu bringen, daß man es getrost der „Grünen Birke“ am Markt gleichstellen sollte. Und man konnte nicht wissen, ob der Bürgermeister in zwanzig oder dreißig Jahren nicht am Ende den üblen Namen Galgenstraße in Erholungsstraße umtaufen würde, dem Wirtshaus und seinen Gründern Jochen Timm und Frau Dorette, geb. Brodersen, zu Ehren. — Die ganze Sache ließ sich prächtig danach an.
Zahlreiche Bauern aus der Umgegend, Pferdehändler und Geschäftsreisende stiegen bei ihm ab und ließen ein hübsches Stück Geld zurück. — Und er und seine rührige Frau sorgten dafür, daß es blitzsauber in Küche, Keller und Gaststube zuging und ebenso in Sachen Moral bei den über Nacht bleibenden Gästen. — Hatte er doch der hübschen, kecken Frau Sörensen beinahe den Stuhl vor die Tür gesetzt, als sie ihm gestern ankündigte, daß sie in den nächsten Tagen Herrenbesuch erwarte. Zu ihrem Glück war der Herr ihr eigener Mann. Nun ja, es mochte da wohl manches in der Ehe nicht ganz stimmen, aber das war ja nicht so etwas Seltenes. Einen richtigen Wirt durfte überdies nichts in Erstaunen setzen bei seinen Gästen. Jedenfalls aber war Frau Sörensens Mann ein feiner, honetter Herr, von außen schon sehr gut anzusehen. Er hatte gleich die aufgelaufene Rechnung ohne eine Miene zu verziehen beglichen, hatte seiner Frau die beiden besten verfügbaren Stuben anweisen lassen, und saß nun seit einer Stunde droben mit ihr im Wohnzimmer, wo er „nicht gestört zu sein wünschte“.
Nun, dafür wollte Jochen Timm schon sorgen.
War doch wahrhaftig gleich hinterher ein anderer Herr gekommen mit so einem gelben, spinösen Gesicht, und hatte ihn aushorchen wollen. „Ob da der Lyzeumsdirektor Sörensen hinaufgegangen sei, und ob etwa eine Mutter oder Schwester oder gar Frau von ihm im Gasthof zur Erholung wohne.“
„Mein Herr,“ hatte Jochen Timm geantwortet, „was bei mir wohnt, ist alles polizeilich angemeldet und braucht der Herr sich nur auf der Polizei Bescheid zu holen.“
So viel war gewiß. Wer ihn, Jochen Timm, zum Schwatzen und zum Preisgeben seiner Geschäftsgeheimnisse veranlassen wollte, der mußte früher aufstehen und außerdem nicht so plump mit der Tür ins Haus fallen. —
Erne Sörensen saß in dem mit bescheidenem Prunk eingerichteten geräumigen Zimmer seiner Frau gegenüber.
Er sah so blaß aus, daß Frau Lisette voll Scheu und beinahe furchtsam in sein strenges Gesicht blickte. —