Einmal an einem regennassen Novembertag stürmt ich zum alten Balian.

Ich wollt ihm sagen, daß ich den Schritt nicht tun könne. Daß ich es kläglich fände, zwei Menschen zusammenzusperren für Zeit und Ewigkeit, die nichts Gemeinsames haben als die unreife Jugend. — Niemals wollt ich mich verheiraten. Was ich verdiene, solle die Lisette haben, bis für sie einmal der Rechte käme...

Der alte Balian lag schwer an Lungenentzündung. Er fieberte, war in einer andern Welt. Was wir von seinen leisen Worten aber verstehen konnten, war Freude über die Versorgung seiner Tochter.

Dann starb er uns, und ich konnte die Verwaiste nicht verlassen. Denn es war nichts da.

Die guten Erfurter schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, daß ein blühendes Geschäft so hatte vor die Hunde gehen können. Die schlechten Kinder waren der Rost gewesen, der an dem ehrlich erarbeiteten Gelde des Vaters fraß, und heimliche Wege war Schmied Balian gegangen, damit die Nachbarn und die Kundschaft nichts von seinem Verfalle merken sollten. — Was noch irgendwie ein Ansehen hatte von seinen Sachen, war verpfändet. Ein paar wurmstichige Möbel nahmen wir mit. Ich habe sie zu Brennholz zerhackt, und sie spendeten die einzige Wärme, die ich dem Hause Balian zu verdanken hatte. Von Mutterchens armseligen Ersparnissen richteten wir die neue Lehrerwohnung ein. Sie lag in Einingen, tief in der Lüneburger Heide.

Die Heide kann nur ganz Glückliche, kann nur selige, jauchzende, lachende Menschenkinder brauchen, oder ganz Unglückliche, von ihrem Gott Verlassene. — Ihre Riesenweiten muß man füllen können mit Liebe oder Haß, mit Jauchzen und Zittern, mit einer Welt von innerem Erleben. Gleichgültige Menschen oder solche, die nur Erdenschwere und Dumpfheit kennen, gehören in die Großstadt. Die Heide tötet ihnen Seele und Leib.

Ein Unglücklicher war ich.

Weil ich so jung war.

Weil das Leben so ewigkeitslang vor mir lag. —

Als die Wasser der Verzweiflung über meinen Kopf zu schlagen drohten, stand ich eines Abends vor der Studierstube von Pastor Verden. Manche Predigt, die schön gesprochen und herzlich gemeint war, hatte ich von ihm gehört, aber der Lehrer Erne Sörensen war unaufmerksamer als der zerstreuteste Schuljunge und jeglich Wort fiel daneben.