Sie verstummte verlegen vor seinem Blick und öffnete ihm die Tür. Die zusammengesunkene Gestalt blieb noch in dem Sessel hocken, bis Sörensen ganz nahe vor ihr stand. Da schlug sie zögernd den Schleier zurück, und als der Direktor sie erkannte, drängte er sie erschrocken wieder auf den Sitz: „Frau Oberlehrer Kahl! Gnädige Frau! Ist etwas geschehen?“

Sie sah ihn aus tränenlosen Augen an.

Ihr vergrämtes Gesicht war erbarmungswürdig: „Ich kann nur um Verzeihung bitten, daß ich hier so eindringe“, sagte sie leise. „Aber ich weiß mir keinen Rat mehr. Und Sie sind gut und klug und ritterlich“.... Sörensen erhob abwehrend die Hand. „Es bedarf keiner Entschuldigung. Sagen Sie mir nur, ob Ihr Herr Gemahl von diesem Besuche weiß.....“

„O Gott, nein!“ Sie erschrak. „Er darf es auch niemals erfahren!“

„Gnädige Frau, das ist mir sehr, sehr gegen mein Empfinden....“ sagte Sörensen zögernd, aber sie unterbrach ihn ungestüm.

„Herr Direktor, sagen Sie jetzt nichts von Sitte, von Kollegialität, von irgend etwas dergleichen.... ich bitte Sie um Gottes willen, helfen Sie mir! Ich komme als Mensch zu Ihnen im tiefsten Vertrauen auf Ihr Menschentum ....“

Er zog sich einen zweiten Sessel heran und ließ sich ihr gegenüber nieder. „Befehlen Sie über mich“, sagte er ruhig.

Sie sah ihn dankbar an, dann fuhr sie leise und eindringlich fort: „Mein Mann hintergeht mich. Ach, ich weiß es ja schon seit Jahren, daß ich ihm gar nichts bedeute, gar nichts mehr.....“ Sie schauerte zusammen. „Aber das ist mir nicht verwunderlich. Er ist ein kluger Mensch, — ich — ich war immer nur hübsch, hatte gar nichts anderes gelernt, als hübsch zu sein.

Durch die vielen Krankheiten, die ich durchmachte, ist’s damit vorbei......

Und nun hat mein Mann sich schon lange, lange von mir abgewendet.“