Mit großem Befremden hörte er, daß keines von den Mädchen eine Entschuldigung oder Mutmaßung für dies Fehlen hatte und begann den Unterricht. Der war fesselnd genug. Den eingehenden Fragen folgten rasche erschöpfende Antworten, — mit freundlichen Augen schaute der Lehrer auf die angeregten jungen Gesichter.
Dann klopfte es plötzlich an die Tür und herein schob sich unter vielen Bücklingen der Lehrer Asmus. Er war verlegen und erregt, und als er einen raschen Blick nach dem leeren, ersten Klassenplatz geworfen, wurde er kreideweiß. Und fand keine Worte, so sehr er sich auch mühte, und wand sich wieder zur Tür hinaus, die er in überstürzender Eile laut zuschlug. Sörensen sah ihm verblüfft nach und schüttelte den Kopf, und die jungen Mädchen schauten sich an mit verstörten Augen. Nach der Stunde, die nicht mehr viel Frucht trug, ging Sörensen in sein Zimmer.
Dort fand er Klaus Hansohm. Und so aus den Fugen war der junge Lehrer, daß Sörensen ihm erst einmal wie einem kranken Kinde zuredete.
„Agnes ist fort“, stieß er endlich hervor. „Fort, — nicht zu finden. Die Eltern haben das Bett leer gefunden heut morgen. Der Vater hat noch gehofft, sie wäre in die Heide gelaufen, wie sie das in letzter Zeit öfters getan hätte, und er würde sie zur rechten Zeit in der Schule wiederfinden... Nun das nicht eintrifft, ist er wie von Sinnen, krank, — er sitzt drüben im Lehrerzimmer...“
„Was sind das für Sachen?“ Sörensen überlegte einige Sekunden, dann ging er mit raschen Schritten nach dem Fernsprecher und ließ sich mit Heidekamp verbinden.
„Agnes Asmus nicht dort? Und Sörine?“ hörte Hansohm ihn bald darauf fragen. Und dann sah der junge Lehrer, wie sein Direktor mit tief gefurchter Stirn einen Bericht entgegennahm.
„Sörine ist zu Hause“, rief der Direktor Hansohm zu, und hing hastig den Hörer an. „Herr von Heidekamp meint, sie sei krank. Aber die Freundin sei nicht bei ihr, davon habe er sich selbst überzeugt. — Hansohm, lieber Freund, was ist da geschehen? Kopf hoch. Es läutet schon. Ich bitte Sie, gehen Sie in Ihre Klasse. Ich werde mit Asmus sprechen und alles Nötige in die Wege leiten. Verlassen Sie sich auf mich, Klaus Hansohm.“
„Verzeihung, — es hat mich umgerissen“, murmelte dieser, und Sörensen klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und begleitete ihn bis vor das Klassenzimmer. —
Im Lehrerzimmer saß Asmus. Ja, der Mann war krank, das sah Sörensen auf den ersten Blick. Er wollte vor dem Direktor aufstehen, aber seine Glieder versagten den Dienst.
„Meine Tochter!“ stöhnte er: „Meine Tochter läuft vor Tau und Tag aus dem Hause und kommt nicht zur Schule, und wir wissen nicht, wo sie ist.....“