Direktor Sörensen hatte seinen unvermuteten Besucher zuerst nicht wiedererkannt. Denn das auffallend feine, rassige Gesicht des jungen Referendar von Heidekamp war gerötet von innerer Aufregung und die Augen schauten ratlos und verzweifelt drein. —

„Ich war wie vom Donner gerührt, Herr Direktor, als ich heute morgen in mein abgelegenes Gartenhaus kam und die Bescherung fand. Zwei junge Mädchen! Davon eins meine Base Sörine und das andere ihre junge Freundin, die augenscheinlich ganz den Kopf verloren hatte. — Herr Direktor, was sind das für ausgefallene Geschichten! Sörine hat keine Ahnung, was sie mir und ihrer Freundin da eingebrockt hat. Das Haus liegt an der Landstraße, meine Bauern und Insten karren dran vorbei, sie haben ja ein Recht sich zu verwundern, daß ihr junger Herr plötzlich — — —.“ Er verstummte in peinlichster Verlegenheit.

Sörensen rannte auf und nieder, und in seinem Kopfe sausten die Gedanken. „Du bist dran Schuld, Erne Sörensen“, sagte er sich. „Du hast dein Versprechen nicht eingelöst, nun hat sich das tapfere Kind selbst helfen wollen, sich und der Agnes. Und begeht die größte Dummheit. Natürlich, weil sie jeden Kerl für so ehrenhaft hält, wie sie selbst einer ist. Liebe prächtige, kleine Sörine, du großer Unverstand! Gottlob, daß du wenigstens an deinen ehrenhaften Vetter geraten bist.“

Der junge Heidekamper nahm erregt wieder das Wort.

„Ich sage Ihnen, Herr Direktor, — wie der kategorische Imperativ in Person stand mein Bäschen vor mir, nachdem sie mich durch meinen Reitknecht hatte wecken lassen und ich in fliegender Eile mich angezogen und nach dem Gartenhause geeilt war. Dieses wird von einem früheren alten Diener bewohnt. Der hat die jungen Damen eingelassen und zwar heute morgen 6 Uhr in der Frühe. ‚Du beschützest mir meine Agnes‘, befahl mir Sörine, ‚ich muß nach Heidekamp, damit Großvaterli nichts merkt. Dann komme ich in jeder freien Minute zu dir und Agnes. Vielleicht müssen wir uns schon bald trauen lassen, damit Agnes eine Heimat hat.‘“

Damit fuhr sie davon, und ich saß vor dieser Agnes, die ich nicht kenne und die eine wahnsinnige Angst vor mir zu haben scheint. Denn sie sprach kein Wort und war totenblaß und zitterte wie ein Hälmchen. Mag der Teufel draus klug werden. Es ist eine regelrechte Entführung. Da fielen Sie mir ein, Herr Direktor, und ich habe dem jungen Mädchen gesagt, daß ich Sie benachrichtigen wolle, habe ihr ein gutes Frühstück in die alte Klause gebracht und mich verpflichtet, um 2 Uhr spätestens mit Ihnen wieder bei ihr zu sein. — „Sie werden mich nicht im Stich lassen, Herr Direktor“, setzte der junge Mann bittend hinzu.

Sörensen nickte stumm, schrieb in fliegender Eile einen Brief an Lehrer Asmus, bat ihn, um Agnes willen ruhig zu sein und — der Not gehorchend seine Tochter nach Heidekamp zu beurlauben, damit Birkholz keinen Anlaß zum Mutmaßen und Klatschen fände, er selbst würde ihm Bericht über Agnes bringen.

Im Wagen erzählte ihm dann der junge Heidekamper, daß er Sonnabend und Sonntag immer auf Luhmühlen, seinem Gute sei, von dem man zu Fuß Heidekamp in einer halben Stunde erreichen könne.

Sörensen hörte nur zerstreut zu. Aber er dankte mit herzlichen Worten, daß der junge Baron ihn gerufen habe, und er hoffe, daß sich Sörinens Staatsstreich noch zum Segen für die beiden Freundinnen wandeln würde.