Der junge Heidekamper lächelte: „Ja, das ist merkwürdig, der unberechenbaren kleinen Base schlägt alles zum Guten aus. Wie hat sie uns immer alle geängstigt! Was für verrückte Einfälle hat sie schon gehabt und in die Tat umgesetzt! Niemand in Heidekamp, Birkholz, Luhmühlen und den angrenzenden Ländern ist sicher vor ihren ‚Ideen‘. Alle Leute im Dorf, den Großonkel Heidekamp, Grauchen und mich mit einbegriffen, fürchten sich vor diesen ‚Ideen‘, — und alle vergöttern trotzdem die junge Herrin.“ — Und er setzte sehr herzlich hinzu: „Auch wieder Großonkel, Grauchen und mich selbst mit einbegriffen. —“
„Weil dieses junge Kind die Liebe ist, die verkörperte Liebe“, sagte Sörensen ernst. „Jede Handlung Sörinens wird von Liebe zu irgend einem Lebewesen oder einer Sache diktiert, und wo rechte Liebe ganz schlackenfrei der Urgrund ist, da kann ja nichts zum Bösen gereichen.“
Der junge Heidekamper nickte. Aber er meinte doch bei sich, dieser Herr Direktor Sörensen sei recht „pastörlich“ angehaucht, und im übrigen würde es besser sein, wenn die süße, kleine Sörine sich ihre Ideen anstatt nur von „schlackenfreier Liebe“ von etwas „juristischem Nachdenken“ diktieren ließe.
An der Wegscheide von Heidekamp und Luhmühlen stand ein alter Mann. Er trug die Heidekamper Livree und winkte dem Kutscher, daß er anhalten solle. Dann trat er an den Schlag und berichtete mit unsicherer Stimme, daß er vom alten Herrn Baron zum Aufpassen herbestellt sei und daß die beiden Herrn gleich ins Schloß kommen möchten.
Der Wagen wendete, und in zehn Minuten erreichten sie das Herrenhaus und standen vor dem alten Heidekamper.
Der sah heute nicht reckenhaft, sondern alt und verfallen aus. Grauchen stand neben seinem Sessel und weinte. Des alten Herrn Stimme klang müde: „Warum müssen wir alten Stackels auf dieser Jammererde bleiben, und solch Jungvolk, dem das Leben lacht, das siebzig Jahr noch auf ein Besserwerden hoffen kann, das läuft davon.... Droben liegt sie — die lüttje Asmus. In unsern Waldsee ist sie gelaufen. Und meine Sörine, — wie ein gefälltes Bäumchen hockt sie daneben. Hat noch kein Wort gesprochen, sieht mit erstarrten Augen umher, — sie hat mich gar nicht erkannt. Herrgott, womit hab ich das verdient, daß du so gar nicht aufgepaßt hast! —“ Der junge Baron sah blaß und ratlos auf seinem Großoheim nieder, dann ging er zögernd aus dem Zimmer, und nach einer Weile hörte man seinen Wagen davon rollen.
„Kann ich — die Tote sehen?“ fragte Sörensen mit heiserer Stimme. Grauchen streckte ihm die Hand hin. „Darum hatten wir Sie bitten wollen“, sagte sie leise. „Auch müssen die Eltern benachrichtigt werden..... Herr Direktor, der Wagen steht ganz zu Ihrer Verfügung .....“
Sörensen hob abwehrend die Hand. „Sorgen Sie sich um nichts. Ich werde alles erledigen.“
Dann beugte er sich zum alten Heidekamper hinunter und reichte ihm die Hand. Dieser faßte sie, und streichelte sie hilflos. „Kümmern Sie sich nicht um mich“, bat der Freiherr. „Helfen Sie der Sörine, — vielleicht gehorcht sie Ihnen, läßt sich fortbringen von der Leiche... Armer Sörinenkerl! Er hat eben nicht aufgepaßt, der Herrgott....“
Grauchen wies dem Direktor draußen eine Tür und ließ ihn allein eintreten. —