Er saß unbeholfen und verlegen vor mir. Umständlich holte er aus seiner Westentasche etwas hervor, wickelte es aus einem Stückchen Zeitungspapier heraus und legte es vor mich hin. „Das haben wir ‚damals‘ gefunden“, sagte er scheu. „Ich mochte es Ihnen nicht bringen, Herr Direktor, weil ich damals dachte, es müßte Sie beleidigen. Aber“, — und nun hob sich seine Stimme und er sah mich freimütig an, „nun glaube ich das nicht mehr. Mit dem Geschäftlichen hängt das gar nicht zusammen, Herr Direktor, denn Sie haben mir ja nie Ihre werte Kundschaft entzogen, obgleich Sie wußten, daß ich mich erdreistet hatte, über Sie den Kopf zu schütteln. Da habe ich mich ganz von alleine drüber geschämt. Und ich habe zu meiner Frau gesagt: ‚ich glaub’s nicht. Sieh doch den Mann an, wie er lebt und was er Gutes tut. Und recht wie ein Vater ist er zu den Kindern. Und früh um vier Uhr sieht man ihn sommertags in der Heide, und wintertags, da löscht das Arbeitslicht bei ihm kaum aus. So eine Arbeitsbiene hat keine Zeit zu Dummheiten. Red mir nicht dagegen, Alte, habe ich gesagt, sonst werd ich fünsch. Eine Dummheit wird der Herr Direktor gemacht haben, denn die machen die meisten jungen Lehrer, — er wird zu früh geheiratet haben. Und paß auf, Alte, die Fräulein Lisette ist seine Frau. Was da sonst drum und dran hängt, geht uns nichts an.‘ Meine Alte wollte noch ein paar Gegenreden machen, da sagt ich ihr aber: ‚Denk dran, wie oft ich dich hab wegschicken wollen....‘ Und da war sie still. Und jetzt denkt sie wie ich. Denn sie ist keine böse Sieben, nur halt ein Frauenzimmer.“ —
Er sah mich beschämt und treuherzig an. „Wenn mir Herr Direktor ein einziges Mal die Hand geben möchten“, bat er zögernd, und da drückte ich seine Rechte ganz herzhaft.
„Da Sie ganz allein aus sich heraus auf die Wahrheit gekommen sind, Meister, so will ich sie Ihnen auch bestätigen. Lisette Balian war meine Frau.“
„Das ist gut, das ist gut“, rief er fröhlich, „und, Herr Direktor, sie hat in meinem Hause nichts getan, dessen Sie sich zu schämen hätten.“
„Ich weiß es, Meister Bertels. Und meine Mutter sagte mir, Frau Lisette habe freundlich an die Meister Bertelsschen Eheleute gedacht, — ehe sie starb.“ —
„Tot?“ fragte der Alte? „Ich hab mir auch das gedacht. Denn sie hustete ja zum Gotterbarmen. Aber immer lustig war sie, wir wurden ganz jung, solang sie bei uns war. Der Herrgott wird wissen, warum er sie rauf holte. Vielleicht, damit es nicht gar so ernst und heilig im Himmel zugehe. Guten Morgen, Herr Direktor, und verzeihen Sie, daß ich Sie solange beehrt habe. —“
Lange saß ich noch in tiefem Sinnen vor der kleinen, altmodischen, goldenen Brosche, die Meister Bertels mir gebracht. Sie hatte meiner Großmutter Gesine gehört, und ich schenkte sie Lisette an unserm Hochzeitstage. — Dachte auch an die Kleinstadt und ihre Besonderheiten. Und daß man sich in ihr mühselig die Achtung jedes einzelnen Bürgers erkämpfen müsse. Und daß ich dafür heute schon, zu meinen Lebzeiten einen guten Nachruf gehört habe. Das gab mir Freude.
Dann nahm ich das kleine Schmuckstück und habe es in der Heide begraben.
**
*
Heute las ich im „Birkholzer Stadt- und Landboten“, daß der junge Herr von Heidekamp aus dem Ausland, wo er bei einer Botschaft beschäftigt war, zurückgekehrt sei, um seine Güter zu übernehmen.