Das wolltest du sagen, Mutter.

Aber dein Empfinden war so zart und fein. — Du wolltest nicht an Unausgesprochenes rühren. Lieber schwatztest du fernab liegendes Zeug bunt durcheinander, und krüseltest umher wie ein Brummkreisel, nur um nicht an eine wunde Stelle zu tasten.... Mutter, du ganz einzige Mutter. — Dann kam der Abschiedstag, da dein Jung wieder hinein sollte in Arbeit und Pflicht. — Dein Mund war herb geschlossen, als wolle er weiche Worte unterdrücken, die dich um deine Fassung brächten. Deine Hände griffen alle Sachen hart und fest an, weil sie das Zittern meistern wollten. Und je näher die Stunde der Trennung kam, desto unwirscher wurdest du. — Kenne ich dich gut, Mutterherz?

Am Nachmittag, als du das Geschirr abgewaschen und ich dir trotz deines Sträubens beim Abtrocknen geholfen hatte, um noch einmal recht in Jugenderinnerung unterzutauchen, nahmst du meine Hand. Und wir schritten selbander wie zwei Kinder in den leuchtenden Sommertag hinaus, zum letztenmal zum Heidegrab des alten „Parsifalus“, wie ich den weiland Heidekönig nannte.

So still war es um uns. In der Ferne pfiff ein Zug. Der mahnte dich wohl an die Abendstunde, die mich hinwegführen sollte. Und mit einem Male weintest du bitterlich. Muttertränen, heilige Tränen! Ich küßte sie dir vom Gesicht und schlang meinen Arm um dich. Und du lehntest den müden Kopf mit dem dünnen, weißen Scheitel an deines starken Sohnes Brust.

Weißt du noch, Mutter?

Ein Fink saß über uns in der Birke und sang sein Lied. Dann flog er fort, und fast greifbar ward die Heidestille. Da sagte ich leise zu dir — und du schmiegtest dich fester an mich und faßtest meine Hände — — — — „Mutter, gute Mutter, ich hab ein Mädchen lieb. Ein zwanzigjähriges Kind. Ungut paßt sie zu meinen ernsten, schweren zweiundvierzig Jahren. Und es ist eines reichen, vornehmen Grundherrn Enkelin.

Aber ich liebe dieses Kind unsäglich. Und diese Liebe ist so wundergut, daß ich sie nur in dein Herz niederlegen darf. Und so stark und ewig und groß ist sie, daß sie nur ein Mutterherz mit dem Sohne tragen kann. Und so süß und traurig und hoffnungslos ist sie, daß nur eine Mutter sie in ihrem Herzen begraben, und nur eine Mutter darüber beten und weinen kann. — Da sahst du mich an, und wolltest sprechen. Aber es kam kein Laut über deine Lippen. Nur deine treuen Augen fragten — fragten....

Da antwortete ich ihnen still: Nein, du Gute, sie denkt nicht an mich. Sie wird bald einem anderen gehören .... und du sollst mir tragen helfen, Mutter...“ —

Heute hatte ich wunderlichen Besuch, und die Vergangenheit griff wieder in mein Leben ein. Aber diesmal mit linderer Hand.

Der alte Schneidermeister Bertels war es. „Darf ich Sie beehren, Herr Direktor?“ fragte er. Und machte es umgekehrt wie die gebildeten Besucher, die störend zu mir kommen und mich fragen: „Darf ich Sie belästigen?“ Aber innerlich voll Hochmut meinen, daß sie mir eine Ehre antun. Schneider Bertels fühlte, daß er mich belästige, und als er von mir ging, hatte er mich hochgeehrt.