„Fräulein Doktor, Sie drücken sich zum mindesten eigentümlich aus.“
„Na, ist das nicht lächerlich, wenn große denkende Menschen in die Höhe hampeln, wie von einer Strippe gezogen und unmündig stammeln: ‚Gu—ten — Tag‚? Als sie das erste und einzige Mal mich so empfingen, rief ich ihnen zu: Ach, ich glaubte, Sie wollten singen: Gu—ter Mond, du gehst so stille. Seitdem ist unsere Begrüßung würdig und schlicht.“
„Man merkt’s,“ entgegnete Kahl bissig. „Als ich vom Urlaub kam, kannte ich meine Klasse nicht wieder.“
„Das glaub’ ich,“ lachte Fräulein Doktor, wurde aber gleich wieder ernst. „Was waren das für frische Kinder in der fünften, vierten, dritten Klasse, als ich sie führen durfte. Wahrhaftig, da geben sie der jetzigen Zweiten nichts nach. Aber jetzt — Hampelmännchen — —“
„Ne, da hört doch aber Verschiedenes auf, Sie bedauern, daß diese Mädchen nicht mehr denen der zweiten Klasse gleichen? Der zweiten? Ausgerechnet der zweiten? Ach, Herr Hansohm, erzählen Sie doch mal gleich jetzt, was Ihnen gestern mit der zweiten Klasse passiert ist...“
„Ach nein,“ protestierte Hansohm mit flehend aufgehobenen Händen, und der Schalk tat, als ob er überaus schüchtern sei. „Ich bin ja doch nur dazu da —“ und nun leierte er die Dienstordnung ab: „Den Grundstein für die allgemeine musikalische Bildung der Kinder zu legen. Daraus erwachsen mir folgende Sonderaufgaben: a) Erziehung zum Musikhören, b) die eigentliche Gesanglehre, c) Aneignung der im geistlichen und weltlichen Liede...“
Oberlehrer Kahl sprang auf und verließ mit Protest das Lehrerzimmer.
„Sie sind unverbesserlich,“ raunte Fräulein Nissen verweisend.
„Ach nein, ich bin ja noch so jung,“ sagte Hansohm, „und ich fühl’s, unter Ihrer Leitung, Fräulein Kollega...“