„So? Weißt du das schon? Nun, das hilft dann nichts. Und nun geh, — ich habe zu tun.“
Zögernd entfernte sich Sörine. An der Schwelle blieb sie wieder stehen.
„Nun? Noch einen Wunsch?“
Sie kämpfte mit sich. „Meine Agnes fehlt heute,“ sagte sie endlich traurig. „Wenn ich nur wüßte, wie ich ihr einen Brief schicken könnte. Ihr Vater und ihre Mutter öffnen ja jeden. Und dann lesen und verbrennen sie ihn. Agnes hat gar keine Freude auf der Welt. Sie hat nur mich.“
„Freude genug,“ sagte Sörensen still zu sich. Und dann mit raschem Entschluß: „Schreibe deiner Freundin nur einen rechten Trostbrief, Sörine, — ich — ich will ihn heute nachmittag selbst zu ihr bringen, na, — ist’s so recht?“
Alter Schulmeister Erne Sörensen, du hattest geglaubt, ein recht helles, sonniges Studierzimmer zu besitzen, aber so wahrhaft licht war es doch erst jetzt geworden, als ein paar Kinderaugen in unsäglicher Dankbarkeit zu dir aufleuchteten. Nachdenklich saß Sörensen an seinem Schreibtisch. Da hatte man ihm nun alles Mögliche erzählt von seinem neuen Amt, von der neuen Stadt und seinen Bewohnern, von den einzelnen Klassen in seinem Lyzeum. Aber irgend etwas Eigenartiges hatte niemand entdeckt. Wenigstens nicht das Feine, Schöne, Erquickliche daran, nur die wilden Schößlinge und urwüchsigen Briefe, die man nach Schema F biegen, brechen und abschneiden wollte. Taxushecken waren alle Schulen, an denen er bisher gewirkt hatte, auch diese. Einzig Klaus Hansohm war noch ein Unverknöcherter mit scharfen Augen und warmem Herzen. Deshalb war er auch ein Freund von Sörine Heidekamp. Aber er sprach nie von ihr, wenn nicht eine besondere Veranlassung vorlag. Und Fräulein Doktor mit ihren Röntgenaugen hatte auch die zweite Klasse durchschaut und verborgene Schätze gehoben. Zu ihrer eigenen Freude. Ihm erzählte man nicht davon. Ihm gönnte man nicht die Mitfreude. Immer war er nur der Direktor, der Einsame. So wollte er denn selbst seine Diogeneslaterne anzünden und unter seinen vielen kleinen Leuten die Menschlein heraussuchen.
Und er dachte an das Schöne, was er heute gesehen, an das verhüllte und doch durchscheinende Licht, an die Seele im Kindesantlitz. Die würde mit dem Körper wachsen und blühen und doch immer dieselbe bleiben. —
Sörensen war in Feiertagsstimmung. Er schob verschiedene Akten, Berichte, Elternbriefe, Beschwerden und sonst noch Einiges an die äußerste Kante des großen Schreibtisches und nahm dafür einen Stapel Albumbücher vor, die ihm vor ein paar Tagen übergeben worden waren. Er war der Sitte nicht gram, die unter den Schülerinnen freilich etwas wütete. Denn er hatte schon manchen guten, kräftigen Spruch in den Büchern gefunden, der, wie er hoffte, in manches Leben anspornend hineinragen würde. Und so schrieb er unentwegt den kräftigen Cäsar Flaischlen-Spruch nieder: „Durch!“
„Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen! Auf! Das Schwert um! Und weiter! Und durch! — Wer will, der kann! Wär’s brechen, wär’s biegen, wer will, wird siegen! Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen!“ —
Plötzlich stutzte er. Ein feiner grauer Wildlederband fiel ihm auf, der ein silbernes Wappen in der Mitte trug. Er prüfte die Zeichen. Eine Birke auf einsamem Blachfeld. Ein Greif, der zwei gekreuzte Waffen hält. Und die Umschrift: Nunquam retrorsum. Er blätterte in dem Buche, es waren nicht viele Eintragungen darin, aber sie waren charakteristisch. Offenbar hatte Sörine das ganze Personal des Hauses mit herangezogen, denn auf der Widmungsseite stand: