„Sie wissen ja, ich bin mit Fräulein Nissen gut bekannt,“ nahm Frau Dr. Niebert das Wort. „Ich bin ja nun ganz unparteiisch, denn wenn sich auch mein Mann schwer geärgert hat, daß Direktor Sörensen nur dem Kreisphysikus seinen Besuch machte und uns nicht, gerade als ob wir nicht auch zur Gesellschaft gehörten, — so ist uns ja im Grunde der Herr Dr. Sörensen höchst gleichgültig. Aber was Fräulein Nissen so erzählt aus der Schule, ist wirklich sehr interessant.“
„Darf sie denn das?“
„Was?“
„Aus der Schule erzählen.“
Die naive Fragestellerin, Frau Diakonus Heinrich, wurde durch wortlose, aber vielsagende Blicke in ihr nichtsdurchbohrendes Gefühl zurückgeschleudert.
„Neuerungen führt der Sörensen ein, als sei unser alter, verehrter Direktor Clausen ein Trottel gewesen. Das nennt er: ‚mit der Zeit gehen‘. Dann wieder spielt er sich auf den Pietätvollen heraus und läßt Sachen beim Alten, die dringend der Neuerung bedürften. Über den Grobian, den Schuldiener Harks, über den doch nur eine Klage geht, hält er die Hand, und das geht immer Herr Harks hin und Herr Harks her, sagt Fräulein Nissen, — na und man weiß doch... hm...“
Verständnisvolles Flüstern und Nicken.
„O ja... die Lisbeth Harks war ein außerordentlich hübsches Mädchen, aber Schönheit wird ja oft zum Fallstrick der Tugend,“ sagte irgend jemand salbungsvoll.
„Brav war sie auch,“ fiel Fräulein Tingleff dröhnend ein, „sie hat drei Jahre bei mir gedient.“
Die Trompetenstimme schaffte für einige Augenblicke Ruhe, und der bekannte Engel flog durchs Zimmer. Es nützte eben so gar nichts, dem energischen, reichen Fräulein Tingleff zu widersprechen, sie pflegte ihre Ansicht bis übers Grab hinaus zu verfechten.