Dann ging er mit ausholenden, wuchtigen Schritten nach dem Zimmer der zweiten Klasse, denn noch während er am Fenster gestanden, hatte schon die Schulglocke hallend den Schluß der Stunde angezeigt.

Im Klassenzimmer stand Fräulein Nissen aufgeregt und flatternd unter den Backfischchen. Einige schwatzten munter auf die Lehrerin ein, andere machten sich mit ihrer Garderobe zu schaffen, um rascher heimzukommen. Alle aber blickten scheu auf den Gestrengen, und das war er gar nicht von dieser Rotte Korah gewohnt.

Fräulein Nissen eilte ihm mit erhobenen Händen entgegen: „Herr Direktor, ich kann Sörine Heidekamp nicht finden, weiß Gott, wo sie stecken mag. Das kann auch nur dieses Mädchen, — aus der Stunde einfach fortlaufen — — Herr Direktor, ich beantrage Konferenz, ich, ich — — —“

Sörensen stand wie ein Bronzefels in der Brandung. Über die hagere, aufgeregte Lehrerin hinweg richtete er forschend seinen Blick auf all die Mädchengesichter, als suche er dort eine Lösung für seine Fragen. Und da begegnete er einem Paar traurigen Augen, die standen in einem abgezehrten, gelblich blassen Gesicht und sahen ihn so flehend an, als könne er ganz allein helfen. Er sagte ruhig. „Jawohl, Fräulein Nissen, heute nachmittag auf Wiedersehen in der anberaumten Klassenkonferenz, — jetzt vor den Kindern, — Sie begreifen... Agnes Asmus komm doch einmal mit mir herüber.“

Nein, Fräulein Nissen begriff gar nichts mehr. Sie war so völlig fertig mit ihren Nerven, daß sie Schulschluß und Ferien bereits mit Tränen, nervösem Lachen und stammelnden Gebeten vom Himmel herunterflehte. Vorläufig suchte sie mit Riesenschritten Herrn Professor Kahl zu erwischen, um in sein verständnisvolles Herz ihre Nöte zu ergießen.

„So, Agnes Asmus. Du siehst gar nicht gut aus, — ich ließe dich lieber rasch nach Hause gehen, aber, — habe ich recht, wolltest du mich sprechen?“

„Ja, Herr Direktor. Ich wollte nur sagen, meine Sörine ist ganz gewiß nach Hause gelaufen...“

„Nicht ganz, aber sie ist mit meiner Erlaubnis nach Hause gefahren. —“

„Ach? Das ist gut!“ Ein tiefer Atemzug. „Sie hat es schon einmal so gemacht. Wenn ihr etwas sehr Häßliches begegnet, dann bekommt sie schreckliches Heimweh nach der Heide, dann sieht und hört sie nicht, und läuft und läuft...“ Agnes’ Gesicht bekam einen Schimmer von Farbe, so lebhaft erzählte sie.