›Du lieber, feiner Junge!‹ mußte ich nur immer denken. Und mein Herz war gar nicht bei mir, sondern bei dem Knaben, der schon nach kurzer Zeit zutraulich seine Hand auf die meine gelegt hatte.
»Ich liebe Lage so sehr«, sagte er mit tiefstem Aufseufzen.
»Kennst du es denn, Clemens-Hartmut?«
»O so gut! Aber nicht wirklich, nur aus Großmutter Sinas Erzählungen. Sie war eine sehr edle Frau, nicht wahr, Fräulein von Lage? Sie hat mir so viel Gutes getan, wie nirgend ein Mensch.«
Ich strich ihm über den dunklen Lockenkopf. »Sie hat dich und deine Mutter sehr geliebt, mein Junge«, sagte ich warm. Da nickte er ernst.
»Nun kommen bald die Herbstferien«, meinte er sinnend. »Wie gern möcht’ ich sie einmal bei Großmutter verbringen! Warum kenne ich Lage gar nicht? Vielleicht kann man das teure Fahren sparen und zu Fuß hinwandern. Solche Sehnsucht hab’ ich nach Großmutter Sina …«
Er sah mich vertrauensvoll an, und ich zermarterte mir Herz und Kopf, wie ich wohl diesem Kind zart genug den Tod dieser Großmutter übermitteln könnte. Ich meinte, ich könne es nicht ertragen, diese Augen, in denen schon ein frühes Weh stand, noch mehr verdunkelt, und die feinen, schmalen Lippen in Schmerz verzogen zu sehen. –
»Soll ich dir von Lage erzählen?« fragte ich auswegsuchend.
»Wie schön!« Er strahlte. »Ich gehe heute erst um zehn Uhr in die Schule. Aber ich sehe durch das Fenster einen fremden Mann in unserm Garten, ich muß fragen, was er will, und ihm verbieten, irgendeine Blume abzureißen, sonst wird Fräulein Herwardson rasend …«
Ich lachte herzlich. »Meinst du, Clemens-Hartmut, daß meine Gegenwart nicht etwas heilsamen Zwang auferlegt?«