Nun jährt sich auch schon wieder das Blühen der Heide. Ob es mich jemals alt und schon vielmal erlebt dünken wird? Nein, immer wieder grüßt es mich als Offenbarung. Du, meine rote Heide! Grenzenlos ist deine Schönheit, die leuchtende; grenzenlos deine Macht, die siegende; grenzenlos deine Stille, die träumende; grenzenlos, wie meine Liebe, die sehnende, zu dir, du meine rote Heide! – Aber war sie je so leuchtend, so siegend, so still, so liebevoll wie diesmal? Da zwei verträumte, wunderschöne Kinderaugen in all das Blühen schauen und eine seltsam weiche, tiefe Knabenstimme mich fragt: »So also schaut sie aus, deine Heide, Gittimuhm’?«
Wo ich das Licht dieser Kinderaugen fand, soll der ehrenfeste Foliant erfahren. –
Zünd an, Brigitte, zünd an!
Mit dem Zettel aus dem Bibelbuch der Korb-Sina kam ich nach Haus. Und ich spürte ihn immer zwischen meinen Fingern und fühlte, daß ich nicht loskam von ihm. Wohl erschrak Eva sehr, als ich sie einen Koffer rüsten hieß, und sie wehrte sich tapfer und packte mit Sorgfalt, und diese Zwiespältigkeit brachte sie wieder in huschende Unrast. Meinen braven Diener hieß ich auch, sich bereitmachen, und er las sich im Fahrplan zurecht und legte mir die fertigen Auszüge vor. So fand mich der Abend meines Geburtstages im Eilzuge und der leuchtende, helle Augustmorgen schon in K. Das Städtchen lag altmodisch zwischen Wiesen und Wäldern eingebettet, die Fenster der kleinen, seltsam bunten Häuser blinzelten verträumt. – Der Diener brachte mich in einen sauberen Gasthof, wo man mir so rasch einen duftenden Kaffee vorsetzte, als habe man mich als lieben Gast erwartet. Dann gab man uns einen knappen, von jeder Neugier baren Bescheid über das letzte Haus in K., und nach dem Imbiß wanderten wir hin. Ich hieß den Diener, sich in das Gärtchen zu setzen, das in allen Farben spielte von den gelben Sonnenblumen an über bunte Malven und leuchtend roten Mohn zum braunen Frauenschühlein und lila Heliotrop, dessen Duft uns schon auf der Landstraße begrüßt und umweht hatte. Einen altmodischen Klopfer setzte ich in Bewegung, da kamen auch schon flinke Füße, und es wurde geöffnet. Zum erstenmal tauchten meine Blicke wieder in Lager Augen.
»Fräulein Herwardson ist verreist«, berichtete die tiefe, ruhige Knabenstimme.
»Clemens-Hartmut Lage!« sagte ich – und dann stieg ein heißes Rot in mein Gesicht.
»Ja, – Clemens-Hartmut bin ich,« meinte er erstaunt, »aber ich heiße Dörping.«
So hatte ich ihn gefunden. Und ich war des Glückes voll, wie nie in meinem Leben. Alle Bitterkeit war ausgelöscht, alles Häßliche in ein verklärendes Licht getaucht, – ich fühlte, wie schwer mein Kampf gewesen war und restlos nun mein Sieg. Voll Entzücken sah ich in das schöne, reine Antlitz des Knaben, sah die schlanke, biegsame, gesunde Gestalt, der auch der von ungeschickten Dorfschneiderhänden angepaßte grobe Anzug nichts anhaben konnte.
»Du lieber Junge, ich bin die Freiin Brigitte Lage, und ich stand jemand sehr nahe, der – – –«
»Gewiß der lieben Großmutter Sina«, entgegnete er lebhaft. »Sie hat mir Ihren Namen genannt. Sie können eintreten, Fräulein von Lage, – meine Pflegemutter kommt nicht vor morgen zurück. Ich muß das Haus bewachen«, setzte er mit leichtem Stolz hinzu. Sein ganzes Gebaren war köstlich altväterisch, ritterlich, weit über seine zehn Jahre hinaus bedächtig. Er öffnete mir eine weiße Flügeltür, die in ein Biedermeierzimmer führte, und hier rückte er mir einen Sessel und ein Fußbänkchen zurecht, alles mit der Grandezza eines geschulten Pagen. In straffer Haltung blieb er vor mir stehen, bis ich ihm bedeutete, sich neben mich zu setzen. –