Und so habe ich ihn auch über mich ergehen lassen.

Dein schweigendes Dulden war ja härter für mich, als jeder Vorwurf. Aber für einen Vorwurf wiederum ist mein herbes Mädchen zu scheu. Und die einzige Entschuldigung, die es für mich gibt, hast Du, meine Gitti, in Deinem Gerechtigkeitssinn gewiß gleich selbst angenommen: Ich war jung, war völlig frei, und – ich kannte Dich nicht.

Natürlich habe ich nicht die Belohnung für mein Verhalten verdient, daß Du die Mutter meines Knaben geworden bist in Deiner aufopfernden, holden Güte. Der Gedanke, daß Gitti Lage meinen Sohn erzieht, an ihrem reinen Herzen, ist beinahe unfaßbar. Ich nehme das Geschenk stolz und demütig zugleich aus Deiner Hand.

Ich weiß auch, daß Du, mein verehrungswürdiges Kind, längst gut von mir denkst. In Deiner Seele hat überhaupt kein häßlicher, herabsetzender Gedanke Raum. Aber daß Du Dich vor mir erschreckt hast, Du Feine, – der Gedanke kann mich jetzt noch rasend machen. –

Meine Gitti, wie danke ich Dir recht?

Alles, was ich an äußeren Gütern besitze, gehört Dir und meinen beiden Söhnen. Das ist alles inzwischen schon notariell festgesetzt. Mein Wunsch ist, daß mein Kind bei Dir bleibt und Dich auf Händen trägt, weil dies der Vater nicht vermag …

Meine Gitti, weißt Du auch, was das furchtbarste ist für einen aufrechten Mann? Du mußt die beiden letzten Worte streng geistig nehmen, damit Du nicht laut lachst über den ›Aufrechten‹. Das furchtbarste also ist, dem Weibe seiner einzigen Liebe zu gestehen, daß man am Boden liegt, – – körperlich zerschmettert von grausamer Schicksalshand.

So, – ich habe es Dir gesagt. Aber das verlange nicht von mir – trotzdem ich Dir ja nach Deiner Tat jedes Opfer bringen müßte, – daß ich Dich, Du gesundes, kraftvolles Geschöpf, meine Niederlage sehen lasse. –

Gott segne Dich tausendfach! Hab’ Dank und lebe wohl!

Clemens Lage.«