Ich war mit raschen Schritten am heutigen Frühnachmittage ausgezogen. Jetzt dünkt’s mich wie ein Märchen von der Prinzessin »Weißnichts« aus dem Hause »Ohnearg«, die »alle Möglichkeiten verschlafen hatte und ausging, das Glück zu suchen«.
Wie auf verbotenen Wegen schlich ich mich ums Forsthaus herum, um ja nicht die Herren Nordstamm aufzustöbern. Am Arm den kleinen Binsenkorb, der die handfeste Atzung für Vesper und zugleich Abendbrot barg. Bis an die Grenze schritt ich, da wo das Waldweibchen drohend und zugleich lockend seine knorrigen Arme reckt, – dann blieb ich tief atmend einige Minuten stehen, auf daß ich voll Andacht in den Märchenwald eingehen könne.
Wie still er schien, und wie lebendig er war!
Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, ich könnte ihn nicht schildern, aber ich habe die Liebe, und deshalb vermag ich es:
Ich wandelte durch Dome, in denen tiefe Glocken läuteten, ich ging durch Waldhüttchen hindurch, drinnen Zwerge kauerten und kicherten und meine Kleider neckend streiften. An Riesenharfen schritt ich vorbei, deren Kiefernsaiten von Harz troffen und einen Duft ausströmten, der wohl Schwersiechen den heiligen Trost zurufen konnte: »Auf, nimm dein Bett und wandle!«
Es grüßten mich Riesen und schauten wildgnädig auf das Menschlein, das unter ihnen ging, es nickten mir spottend Alräunchen zu und schabten ihre Fingerlein: O du Prinzessin Ohnearg und Weißnichts! Und waren doch alle nur Bäume und Bäumchen.
Dann wieder taten sich Kirchen auf aus silberstämmigen Buchen, an denen nicht Tadel noch Fehl war. Ihre Wipfel reichten bis zum Himmel und klopften beim Herrgott an, daß er sie segne. –
Und dann kam der tief-tiefe Tannenwald. Edeltannen, bodenständig, mit silbernem Schein, die mich ernst willkommen hießen, zarte Douglastannen, die noch bange zitterten vor ihrer eigenen Schönheit. Birken standen dazwischen, mit zartgrünen Schleiern ihre Reize verhüllend, und sie hatten kleine, schwarzweiße Pilzwächter zu ihren Füßen hingewiesen … Auch Kindertännlein wuchsen ringsumher, wohlgezogene und doch fröhliche kleine Gesellen, und zwischen ihnen lag die rostbraune Heide, in deren Winterdolden der Frühlingswind harfte. Und über all dieses hatte die Sonne ihre warmen, leuchtenden Mutterhände gelegt, ein Segen ohne Maß ging von ihr aus. Ich grüßte die unermeßliche Schönheit und trank Gottesnähe in mich hinein. Da sah ich mitten in der Tannenwildnis, aber hoch über ihr, ein Glockentürmlein, und es war mir, als ginge von der schweigenden Glocke, die darinnen hing, all das gewaltige Tönen aus, das den Wald erfüllte.
Aber das Tönen schwieg plötzlich, weil eine Menschenstimme lachte. Mißtönend, klagend, schrill: einem Kauz hätte sie gehören können oder einer kranken Waldtaube; aber es war doch ein Mensch, der vor dem Kirchlein kauerte, das sich plötzlich aus dem Dickicht schob. Uralt und schlicht, aber nicht verfallen; und etwas dahinter stand ein kleines, festes Haus, schier mehr ein Tempel mit dorischen Säulen.