Der Mensch hatte nicht viel Menschliches an sich. Nur als ich nahe vor ihm stand und er mit demselben klagenden Lachen nach meinem Kleidersaume griff, sah ich, daß es ein Jüngling war, ein Krüppel, der nun in grotesken Sprüngen in das Innere des Tempels flüchtete. Ich folgte ihm nicht, – ich öffnete sacht die Pforte des kleinen Gotteshauses. Und hatte ich vorher in arme, verzerrte Züge geschaut, so grüßte mich nun ein Marmorbildnis von wunderbarer Schönheit, von Künstlerhand gemeißelt – der heilige Clemens. –

Nicht im großen Ornate des Papstes, im schlichten härenen Gewande hatte ihn der Künstler dargestellt, wohl um die Demut äußerlich kundzutun, die diesen Kirchenfürsten auszeichnete. Der Anker war ihm beigegeben und ruhte zu Füßen des Bildnisses. – Später entdeckte ich noch ein uralt Steingefüge des gleichen Heiligen, das sich außerhalb der Kirche an ein Mäuerchen lehnte. Ein vermorschtes Holz steckte neben ihm im Waldboden, und darin hing eine »ewige Lampe«, aber sie war ungeschützt verlöscht, tot, und das Öl verdunstet. Es sah so traurig aus, und deshalb löste ich die ungefüge Lampe aus der verrosteten Klammer und trug sie in die Kapelle. Hier konnte ich sie gut an einem hervorspringenden Eisenknauf befestigen, gerade dem heiligen Clemens gegenüber. Und nahm mir vor, am nächsten Morgen mit einem Ölkännchen wiederzukommen, es sollte nicht mehr dunkel und einsam um den Heiligen sein. Als ich das Kirchenpförtchen wieder schließen wollte, brach gerade die Abendsonne durch die Fenster, die in feiner alter Glasmalerei die heilige Notburga zeigten, die »Dienstmagd« mit der Sichel in der Hand. Darunter den Spruch: »Die Hand bei der Arbeit, das Herz bei Gott.« Seltsam leuchtend rot war der Schimmer, der durch dies Fenster in das Kuppelrund fiel. Und darin sah ich einen Fries, von eines Meisters Hand gemalt: Unseres Heilandes Werdegang, seine Geburt, sein Ringen, sein Leiden und seinen Tod. Da stand ich wie gebannt, und die Blicke konnte ich nicht losreißen von dem Kindlein auf dem Schoße der Gottesmutter und von dem Hirten, der auf der Schalmei das Wiegenlied tönen läßt. – So geleitete ich mit Augen und Herz den Christus. Aus jeder Darstellung wuchs er größer und göttlicher heraus und gab mir die Erinnerung an meine Kinderzeit, als die Mutter mich diesen Christus lehrte. So lieb und schlicht, so zürnend und gewaltig, so demütig und vergebend. –

Überreich beschenkt schritt ich aus der kleinen Kapelle hinaus in meinen Märchenwald. – In der abendstillen Dämmerung wollte ich die seltsamen Gesellen wieder grüßen, neugierig, welche Formen die Riesen- und Zwergenbäume wohl im Halbdunkel annehmen würden, um mich zu schrecken. Aber mein Fuß verhielt im Heidekraut, denn ein klagendes Rufen scholl zu mir herüber. Hilfeheischend tönte es, und nun eilte ich nach der Richtung des Tempels, woher es kam. – Die Pforte lief leicht in ihren Angeln, als ich sie öffnete; ich trat in die Werkstatt eines Bildhauers. Beinahe hätte ich über der Schönheit einer Marmorgruppe die arme, zusammengeworfene Gestalt des Krüppels übersehen, der zu ihren Füßen wie ein Bündel lag. Ein Blutbächlein rieselte an der Schläfe des Jünglings hinunter, er hatte von einem Sockel wohl mit täppischem Griff den Hammer herunterholen wollen, und dieser war ihm auf die Stirn gefallen … Hastig verließ ich den Raum, denn der alte Brunnen draußen fiel mir ein, an dem ein gefüllter Eimer hing. Ich tauchte mein leinenes Tuch, das ich über mein Körbchen gebreitet hatte, in das kühle Naß, lief wieder zurück und legte es auf die Wunde; gellend schrie der Verletzte auf. Aber nichts rührte sich im Hause, so scharf ich auch horchte. Nur die marmorne Gottesmutter, die den toten Sohn im Arme hält, schaute voll Erbarmen auf uns nieder. Da nahm auch ich den Kranken in meine Arme und bettete den schmerzzuckenden Kopf an meine Brust. Er schlug die Augen auf, und nun lachte er, wie ein Kind, das sich geborgen weiß. Aber auf meine besorgten Fragen antwortete nur ein Lallen. Hart kniete es sich auf den Fliesen des Bodens, ich lehnte den Kranken gegen den Marmor, löste das Tuch und lief wieder zum Brunnen. Da tönte mir das Klagen nach, und wieder empfing mich der Schrei, als ich den Umschlag erneuerte. Ratlos sah ich nach der großen Tür, die mir in das Innere des Hauses zu führen schien, denn die Werkstatt war nur eine große Halle. Über der Tür stand der Spruch gemeißelt: »Nisi Dominus aedificaverit domum, in vanum laboraverunt, qui aedificant eam.«

Das klang tröstlich, und ich durchschritt die Tür. Wie seltsam mutete das große, traute Wohnzimmer an, das sich mir zeigte … In dieser Waldwildnis ein so behaglicher Raum mit hohem Kamin, darinnen ein loderndes Feuer brannte. Schwere Teppiche bedeckten den Boden, flämische Möbel standen wuchtig an den Wänden. Nirgends ein Mensch, außer dem, dessen tierische Laute fortgesetzt das Haus durchgellten. Da ging ich zurück, beugte mich über den Kranken und rief ermunternd: »Komm! Komm mit mir!« Er erhob sich plötzlich sehr gelenkig und folgte mir, wie ein gehorsamer Hund. Das Blut an seiner Hand und auf seiner Stirn schien ihm ungeheuer wichtig zu sein, aber sein Klagen verstummte, als ich ihm begütigend sagte: »Das wird alles gut.« Von seiner armen Sprache konnte ich nichts deuten, es schien mir aber, als sei er gut Freund mit meinen Bäumen und Bäumchen.

So gingen wir Hand in Hand nach Lage zurück. Hier habe ich meinen seltsamen Gast in einem freundlichen Gelaß gebettet, heilkräftige Arnika auf die Wunde gelegt und will nun selbst, todmüde, mein Lager aufsuchen. Gute Nacht, Märchenwald und Fledermäuse!

9.

Recht schlecht und unruhig habe ich geschlafen, ein Zustand, der mir sonst fremd ist. Immer meinte ich, das klagende Rufen zu hören und dazwischen energisches Zurechtweisen von einer zweiten Stimme. Einmal war es so laut, daß ich aufstand und mich völlig ankleidete. Ich horchte an der Tür des Gastzimmers, aber nichts regte sich hinter ihr. Etwas Blinkendes lag am Boden, ich hob es auf und hielt einen wunderlich geformten Knopf in der Hand, an dem noch ein Stück Manschette hing. Mit großer Gewalt mußte er abgerissen worden sein. Dreimal stand ich so in verschiedenen Zeitabständen vor dem Gemach, beim drittenmal drückte ich die Klinke kurz entschlossen nieder. Die große Stube war leer, das Bett sorgfältig geordnet, das Linnen abgezogen und fortgeräumt. Die alte Eva stand an einem der beiden offenen Fenster und stäubte gerade ein Tuch aus. Sie knickste, sah aber an mir vorbei.

»Ich hatte einen Gast«, sagte ich etwas erregt …

»Er ist nicht mehr da«, war die ruhige Antwort. –

»Das sehe ich. Aber ich will wissen, wo er ist. Er stand unter meinem Schutz.«