»Du!« sagte ich still-selig zu dem gelben Büttenpapier. »Bist du wieder bei mir, Ritter Lage?«
»Meine Gitti! Man berichtete mir nach Holland, daß mein geliebtes, weißes Licht von Lage überall Lachen und Liebe hintrage und in alles Elend der traurigen Katen lindernd hineinleuchte. Und so sah ich Dich immer vor mir, wie Du die vertrauten Wege gingst, Leid im Herzen und doch immer Freude gebend. Wo nahmst Du sie her? Aus dem Grunde Deiner tiefen Seele, denn unter all Deiner eigenen Not ruht bei Dir ein Nibelungenschatz von Freude. –
Weißt Du noch, daß ich Dir schrieb, das letzte Opfer dürftest Du nicht verlangen, Du Starke, Gesunde, Nimmermüde: mich am Boden liegen zu sehen, krank und gekrümmt. Mich, den Du so treulich den ›Ritter‹ Lage nennst, mich, der einst geträumt und gehofft, die Rüstung, in der sich der Knabe scherzend verbarg, würde sich einmal prall und beengend um des Mannes Muskeln schließen …
Gitti, ich bring’ Dir das letzte Opfer. Und bitte Dich: Komm zu mir! Zeige mir unsern Sohn Clemens-Hartmut. Ich möchte ihn sehen, mit ihm sprechen, Dich an seiner Seite. Auf seinen zwei jungen Augen ruht unser Geschlecht, Gitti, wir sind verantwortlich für dieses Reis am alten Stamm. Man sagt mir, daß seine Augen schön, offen, gütig und wahrhaftig sind. Wie die Deinen, Gitti. – Man hat mir auch von Blauaug und Schwarzaug auf der wüsten Insel Satafuna-Siribisi erzählt, und der Lagesche Humor grüßte mich bis zum hellen Lachen. Ihr beiden Kinder werdet mir noch mehr zutragen, und der sieche Mann wird noch einmal Freude trinken. – Denn meine gütige Gitti wird es über sich gewinnen, nicht vor mir zu erschrecken. Sie wird es nicht einmal ihren Augen erlauben, sich für die Dauer eines Atemzuges zu verdunkeln, weil ihr Licht mein Leben bedeutet. –
Gitti, komm! Mein Heimweh eilt Dir entgegen! –
Dein Clemens.«
Laut rief ich: ›Ich komme!‹ Aber ich wußte nicht, wohin ich gehen sollte. Doch ich holte Eva, und wir packten ein paar Köfferchen mit fliegenden Händen, und mein Herz wußte nicht, ob es vor Glück oder vor Leid so rasend schlug. – Aber nach einer Stunde war Baron Leo bei mir, und seine große Ruhe teilte sich mir mit. Er hieß die Köfferchen forttragen und sagte mir, daß Clemens Lage seit ein paar Tagen wieder im Bildhauertempel wohne und wir nur durch den Lager Forst zu schreiten hätten. – Viel Seltsames, schier Bedrängendes erzählte mir noch der liebe Freund von der schweren Krankheit des Ritters Lage, und seine Blicke ruhten voll Erbarmen auf mir. Aber in mir lebte nur der eine Gedanke des Wiedersehens mit dem liebsten Manne, der meiner bedurfte. Der mich brauchte und meine Kraft. –
Wieder nach einer Stunde brachen wir auf. Der Diener Ludwig schritt mit einer hellen Laterne vor uns her. Baron Leo und Clemens-Hartmut nahmen mich in die Mitte, und staunend betraten die beiden den Märchenwald in seiner seltsamen Schönheit und schönen Seltsamkeit. Keines von uns sprach ein Wort. Was in uns vorging, war Schweigen gebietend. Clemens-Hartmut schaute aus verträumten Augen, und hie und da drückte er meine Hand fester. Ich hatte ihm gesagt, daß es zu meinem liebsten Freunde ginge, und dieser Freund sei sterbenskrank …
In der Clemenskapelle brannte die ewige Lampe.
Mein Herz grüßte sie. Dann war es plötzlich hell am Tempel, und ein fremder alter Wärter in Dienerkleidung steckte eine Fackel in einen Eisenknauf. Er verbeugte sich tief, als ich an ihm vorbeischritt. Baron Leo gab ihm die Hand. »Dies ist Jan Ulles, der dem Clemens vor vielen Jahren von Lage nach München und von dort nach Holland gefolgt ist«, stellte er ihn vor. Da reichte ich ihm rasch auch meine Rechte. »Guten Abend, Jan Ulles«, rief die weiche, liebe Stimme von Clemens-Hartmut. –