Auch hier ruhten Vorfahren, die nicht in der düsteren Gruft hatten liegen wollen, umgeben von Steinen und Moder, jedem Zufall preisgegeben, der die ungeschützten Särge zerstören konnte. Ich blieb noch einige Zeit an der tausendjährigen Buche stehen und dachte meiner Eltern, dachte des weißen Kreuzes auf dem Friedhof zu Erfurt: »Sei getreu bis an den Tod«, dachte in Liebe und Heimweh an die beiden Efeuhügel, die Unersetzliches bergen.
Als ich dann in mein Zimmer trat, glänzte schon von weitem das große, gelbliche Büttenpapier, auf dem der »Enterbte« mir seine närrische Weisheit darzureichen pflegte, und ich war just in der rechten Stimmung, sie anzunehmen.
»Die liebwerte Regenschirmbase geht sehr selbstherrlich vor, wie mir scheint. Mit ihrer unverbrauchten Kraft lockt sie kranke Kinder aus fremden Häusern, denn wenn die feine, kleine Lagesche Spürnase auch unvergleichlich ist und ungeheuer nett in dem gescheiten Gesichtchen steht, so hat sie doch über die Grenze geschnüffelt. Die schmale Spur zwischen Clemenskapelle und Tempel ist diese Grenze, und der Tempel steht nicht mehr auf Brigitte Lages Grund und Boden. Hausrecht soll man ehren, oder??? Für die Lampe bedankt sich der heilige Clemens. Sie muß jeden Tag gefüllt werden, das gebe ich zu bedenken, aber hübsch jenseits der Grenze bleiben, ohne die Werkstatt zu betreten … Und damit die liebe Regenschirmbase nicht wieder so zerschunden aus dem Ilexgewirr des Waldgrabes hervortaucht und sich unnützen Grübeleien hingibt, so diene zur Vervollkommnung der Familiengeschichte (siehe oben), daß in besagtem Grabe der Urahn Joochen wirklich ruht, wenigstens das fein säuberliche Gerippe. Meine eigenen Hände haben ihn dort still beigesetzt, als ich einst entdeckte, daß sein Sarg offen stand und beim Umfallen schon einmal die Gebeine verloren hatte.
Durch meine nüchterne Enthüllung hoffe ich die Regenschirmbase richtig eingeschätzt zu haben … Den goldenen Manschettenknopf bitte ich in der Clemenskapelle niederzulegen.
Der Enterbte.«
Ich habe den Brief hin und her gewendet, aber da keine Marke ihn zeichnete, konnte ich auch nicht sehen, woher er kam. Die Kenntnis des Ritter Lage von meinen Wegen und Taten ist mir unheimlich, die verschiedenen Rüffel, die er mir erteilt, empören mich. Wenn aber wirklich der Tempel nicht auf meinem Grund und Boden steht, so hat der Mann recht, und ich muß meine »Grenzen« besser studieren und innehalten. Eine beschämende Mahnung für mich von dem Fremden. Wer mag ihm nur alles hinterbringen? Das ist der häßliche Beigeschmack der ganzen Angelegenheit, daß hier irgendein Spion in meiner Nähe sitzt. Und merkwürdig quälend für mich der Gedanke, daß sich »Ritter Lage« zu solch einem Spiel hergibt.
10.
Natürlich habe ich sozusagen »fliegenden Fußes« den Knopf in der Kapelle hinterlegt und lächerlicherweise nach Verlauf von einer Stunde festgestellt, daß er verschwunden war. Gleichzeitig habe ich das Gelübde getan, den Märchenwald zu meiden und die Clemenskapelle überhaupt nicht wieder zu betreten. Mag doch die Lampe austrocknen oder -brennen, – ich bin Protestantin, habe gar nichts damit zu tun. –
»Die ewige Lampe brennt«, schreibt daraufhin Ritter Lage. »Es gehört keine blühende Phantasie dazu, um herauszuklügeln, daß Brigitte Lage ihren fein aufgesetzten Kopf in den Nacken wirft, wie Rassepferdchen tun, und in weiblicher Unlogik den armen Heiligen entgelten lassen will, was der Unheilige verbrochen hat. Also sie brennt wieder, und man braucht überhaupt gar nicht mehr zu kommen. – Meine Bitte entsprang auch nur einer augenblicklichen Verlegenheit. Ich hatte mir den Fuß bös verletzt und konnte nicht so rasch, als ich wohl wollte, in die Kapelle humpeln … Von Holland her, verehrte Regenschirmbase … Aber in richtiger Erkenntnis der weiblichen Logik humpelte ich doch … Übrigens war selbstverständlich schon früher eine ewige Lampe in der kleinen Waldkirche, – auch ohne daß Sie das Lichtchen anzündeten, – aber sie war verlöscht … Wie gesagt, mein Fuß ist schuld. Die Lampe hängt in einer Nische am Altar versteckt, aber ich benutze das rührend komische Steinnäpfchen meiner rührend komischen Regenschirmbase …