In dieser besinnlichen Wald- und Heideeinsamkeit liegt jeder Gedanke an Äußerlichkeiten weltenfern. Aber vielleicht hat die alte Fernande eine innere Befriedigung davon, daß sie meint, sie sei mir nütze. Vielleicht kann sie jetzt besser die Wohltat von mir annehmen. So will ich sie bei ihrem Glauben lassen. –
Mein Tag ist immer reich und ausgefüllt. Ich schaue auch öfters in das Försterhaus, wo die junge Frau etwas zagend ihrer schweren Stunde entgegensieht. Man hat sie mit Ammenmärchen verstört, und ich fürchte, meine Eva hat auch manchen Schatten ins Försterhaus getragen. Neulich ertappte ich sie beim Räuchern mit Ginsterblüten. Der Geruch war abscheulich und verpestete das schmucke Anwesen. Ich weiß, daß er »Alpdrücken« beheben und »starke Wehen« hervorrufen soll. Aber ich weiß auch, daß dieser Unsinn dem sehr bodenständigen Arzt in Lage das Leben sauer macht. Deshalb verwies ich am Abend ganz energisch der guten Alten ihr Tun. Ihr Widerspruch ist immer derselbe: »Was weiß so ein Junges!« Aber da er unhörbar gemurmelt wird, lasse ich ihn unbeachtet.
Ich saß mit der jungen Frau Nordstamm an der leeren Wiege, drin das zu Erwartende liegen soll, und wir hatten die ganze kleine Aussteuer um uns herum gebreitet, aber die Türe sorgfältig verschlossen: daß nur ja kein unberufenes Männerauge unser törichtes Tun belauschen sollte. Jedes gestrickte Mützchen wurde über der Faust anprobiert, und die kleinwinzigen Linnen wurden vor die eigene Brust gehalten, um den staunenswerten Unterschied recht deutlich zu sehen. Und ich erhielt von der jungen Frau das Lob, daß ich »recht wie eine Mutter fühle«. Dreimal packten wir das Bettzeug der Wiege aus und ein, und legten immer wieder ein neues, noch zierlicheres Hemdchen, Jäckchen, Mützchen hinein. Und die angehende Mutter schaukelte sacht das Gestell, darauf zwischen leuchtenden Rosen und Tulipanen der Spruch gemalt war: »Onze Heere God zal dat Kind bewaren.«
Von meiner Entdeckung im Lager Wald sagte ich nichts, vielleicht war’s eine eifersüchtige Wallung, die keinem Menschen sonst das Kirchlein gönnte. Eines heimlichen Bangens kann ich mich nicht erwehren. Die junge Frau ist überzart. Wenn ihr Gatte etwas sagt, fliegt Blässe und Röte über ihr schmales Gesicht, fast möchte ich sagen, es sieht wie Abneigung aus, womit sie ihn anschaut. Aber freut man sich dann so auf das Kindchen? Der Arzt predigt ungeheure Schonung der jungen Frau. –
Von der Wiege kommend, traf ich beim abendlichen Heimweg auf ein Grab. Ich hatte einen anderen, weiteren Weg gewählt, vor dem mich der alte Förster Nordstamm gewarnt. »Der Wilde Jäger sollte dort umgehn mit Heihallo und Hussida.« Herr Förster, das war gefehlt. Vor halsbrecherischen, schlechten Wegen lasse ich mich gern warnen, denn meine Gesundheit gehört nicht mehr mir, sondern dem »grauen Alltag«. Aber dem »Spuk« gehe ich entgegen. –
Es lief alles friedlich ab. Ich fand ein Grab in tiefster Waldwildnis versteckt, und meine zerrissenen Hände geben Zeugnis, wie hartnäckig ich mich durch Brombeeren und Ilex durchkämpfte. Einen Namen trug die Ruhestätte nicht, ein winziges Kreuzlein, roh aus Holz geschnitzt, steckte darauf. Vom Grabe aus schritt ich nach der Lager Kirche und ließ mir vom Küster den Schlüssel zur Gruft geben. Ihm blieb der Mund offen stehen. »Bi disse Tid?« fragte er fast tonlos. –
Ja, der Sarg ist leer, nur ein altes Pergament liegt darinnen. Joochen Lage, † 1642: »Die Lager Luft verwirret Kopf und Herz.« Rings um mich standen die Holzsärge bis an die Decke hinauf übereinander, ein trostloser Anblick. Drei oder vier Steinsärge mit alter Ornamentik reihten sich rings in der Gruftrundung; ein paar neumodische Zinksärge zeigten, daß auch Holländer Mynheers de Lage hier in den letzten drei Jahren beigesetzt worden waren. Ich löschte den Wachsstock, der in der Nische für abendliche Besucher aufbewahrt wird, und schritt im Lichte des letzten Mondviertels über den Friedhof.
»Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage.«