Lade ich Pastor Oswald zum Sonntagsbraten ein, so ißt Ohm Matthias auf seinem Zimmer; und speist Hochwürden Trewes bei uns, der die Seelen seiner katholischen Schäflein mit Nahrung versorgt, so verschwindet Tante Fernande in ihre Gemächer. Es ist eine lächerliche Gesellschaft. Aber beide Verwandte sind einsam, sie haben nie Liebe kennengelernt, sondern nur Armut, Krankheit und Zurücksetzung. So will ich ihnen von dem Reichtum abgeben, den ich in mir spüre, und von all dem Äußeren, das mir ein gütiges Geschick zuwarf.

Eva grollt mit mir, aber das soll mich nicht beirren. Sie möchte einen stillen, vornehmen Haushalt führen als meine Dienerin und als Beschließerin von Haus Lage. Die beiden Verwandten dünken sie Eindringlinge, wunderliche Bilder, unwürdig des Rahmens, der sie umgibt. Ich aber mit meiner Jugend und stürmenden Kraft will noch nichts von Stille, Ruhe und Nur-Vornehmheit wissen. »Teich mit Entengrün« nannte mein Vater solche Beschaulichkeit. Er pflegte Steine hineinzuwerfen und freute sich, wenn das Wasser sich klärte und Kreise zog. Ich aber bin meines Vaters Tochter.

Ungeheuer viel Pläne trage ich in mir. Ich muß in Lage bauen. Ein hübsches Lehrerhaus möchte ich haben. Das Schulhaus ist uralt, die Lehrersfrau klagt über Ratten und sonstiges Geziefer. Auch kann die blitzsaubere Frau dem Kalk nicht wehren, der von Wänden und Decken fällt und von der Schuljugend zertreten und überall herumgetragen wird. – Ein Lehrerhaus muß schmuck sein, außen und innen.

Wie will er reine Gedanken in die Herzen der Kinder tragen, wenn seine Wohnstätte unsauber ist? Bisher scheint hier in Lage für den Lehrer alles gut genug gewesen zu sein. Hei, damit will ich aufräumen. – Der alte Pfarrer, der im Ruhestand lebt, sieht scheel zu meinen Erneuerungsgelüsten. Gottlob hat er nicht mehr dreinzureden, und der junge Pfarrer Oswald ist ganz meiner Ansicht und gibt mir nach bestem Wissen und Gewissen gute Ratschläge. Vielleicht tut es im Laufe der Jahre auch einmal der »Ritter Lage«. Wohin man auch hört, wird er als der Bestkundige der Grafschaft bezeichnet, und auch aus seinen närrischen Briefen spricht seine Vertrautheit mit allen hiesigen Verhältnissen. Holland ist also doch nicht so weit, Herr Vetter Clemens, als Sie mich glauben machen wollen … Zuerst und vor allem andern aber will ich der Pietät Genüge tun und das Grab von Brigitte-Jesuliebe Lage instand setzen lassen. Es liegt auf dem Friedhof hier, aber fern von den andern Gräbern an sehr unwirtlicher Stelle. Nichts ist angepflanzt rings um die Ruhestatt der letzten Besitzerin von Haus Lage, ich fand beim Aufräumen einzelne vermoderte Sträuße, die irgendein dankbares Gemüt ihr heimlich hingelegt haben mag. Auch kein Kreuz oder Stein bezeichnet das Grab, nur die öde Nummer, die der Totengräber in seinem Buche vermerkt hat. Ich sprach mit Eva. Sie zuckte die Achseln und wandte sich ab. –

Eva, Eva, wenn ich spüren sollte, daß du Menschenfurcht kennst! Daß du um des unduldsamen Eiferns des alten Herrn Pastors willen deine Pflicht versäumt hast an deiner Herrin, an meiner Wohltäterin! Sie hat dich gespeist und getränkt und besoldet und ist dir eine gerechte Obrigkeit gewesen. Sie hat mit dir geweint und gelacht, du hast die Füße unter ihren gedeckten Tisch gesetzt. Heilig ist solche Gastfreundschaft. »Ein undankbarer Mensch aber steht unter dem Tier. Denn jedes edle Tier ist dankbar«, sagt der Philosoph Hilty.

12.

Ich werde mich mit dem alten Pastor noch einmal auseinandersetzen. Er geht des öfteren um den Friedhof herum, wenn ich darin arbeite, und sieht mir scharf auf die Finger. Ich habe mir einen tüchtigen Gärtner und seinen Gehilfen aus der Stadt kommen lassen, damit erst einmal Ordnung auf dem Gottesacker geschaffen wird. Wie der Friedhof, so das Dorf und sein Patron. Meine eigene Bequemlichkeit, die Instandsetzung des Parkes, des Gartens, die Gewächshäuser, – alles dies kann warten, ich erachte es gering gegen die Pietätspflicht. Am 29. Juni ist der Geburtstag der Heimgegangenen. Einen Stein will ich dann bestellen, der Tante Jesuliebes Namen tragen soll.

Jesuliebe!

Ich weiß nicht, ob sie Gott und Gottes Sohn geliebt hat. Sie soll die Kirche nie besucht haben.

Aber die Armen und Siechen haben mir von ihr erzählt, von ihrer gebefrohen rechten Hand, die nicht wußte, was die linke tat. So soll auf dem Stein nur stehen: »… ihre Werke folgen ihnen nach«.