Wenn mir der Ritter Lage nur nicht so viel Rätsel aufgeben möchte! Und ich wette, wenn ich den nächsten Brief öffne, so steht darin: »Ich bin gar nicht rätselhaft, verehrte Regenschirmbase.« Sein Gedankenlesen ist unheimlich. Heute lag sein Brief auf Urahn Joochens Grab im Walde. Dessen Geburtstag ist heute, das habe ich aus der Urkunde entnommen, und Ritter Lage nahm natürlich an, daß ich Kranz oder Strauß niederlegen würde:

»Ich muß abbitten, liebste Regenschirmbase, wie ein ganz armer Sünder. Glaubte und – fürchtete, daß das rasche, junge Geschöpf dem Wunsche der Toten schon nachgekommen wähnte (zünd an, Brigitte Lage, zünd an!), wenn es dem heiligen Clemens alltäglich seine Lampe füllte … Und nun ist dies Menschenkind so reif, daß es tiefer und weiter gedacht hat, und so gut, daß es mit Freuden den Hilferuf der Heimgegangenen in die schöne Tat umsetzt. Wäre ich nicht ein alter, kranker, verbitterter Mann, der unfroh fern in Holland (?) sitzt …

Aber ich darf doch in Gedanken die kleine, fleißige, tapfere Hand küssen, die unser altes Lage mit so sicherem Griff gepackt hat. – Doch kann der alte Mann seinen Rat nicht vorenthalten: Jeder Kraftfahrer läßt seine Maschine langsam angehen. Bei Brigitte Lage ist noch zuviel Überschüssiges. Nach diesem Tempo muß der Körper schließlich Lehrgeld zahlen. (Ich überlege, aus welchem Teich Vetter Ernst der Hüne und Base Pauline die Bodenständige dies winzige Lebewesen herausgefischt haben.) Aber zäh ist’s, zäh, das merke ich schon. Und das braucht Lage. Also langsam! Langsam! Es wäre ein Jammer, wenn das Maschinchen einen Knacks bekäme.

Der Enterbte.«

Wie ist es nur möglich, daß solch ein Wort so froh machen kann! Bin ich so sonnenhungrig, daß mich ein paar hingeworfene Brocken schon Lichtstrahlen dünken? Jedenfalls ist das »Maschinchen« neu geölt, und – Dank für den guten Rat, Ritter Lage! –

13.

Welch großes Unglück! Ich bin ganz verstört. Die junge Förstersfrau wird sterben. – Mein Gott, wie ich das so bestimmt hinschreiben kann. – Sie ist schwer gefallen, als sie nach der kurzen Krankheit, die sie neulich zu überstehen hatte, ihren geliebten Wald zum erstenmal wieder aufsuchen wollte. Gleich will ich wieder zu ihr hin. – Von überall her werden die Ärzte erwartet. – Die Kranke ist ohne Besinnung. –

Abends: Tot! Ich fasse es nicht. Soll nicht Allmutter Natur die werdende Mutter schützen? Ein kleines gesundes Mädchen hat sie geboren, aber sie selbst … Das Kind schlummert bei mir in Haus Lage, es würde sonst ganz vergessen vom unglücklichen Vater, den der Schmerz bis zum Toben gebracht hat. Die Flinte hing er um und lief in den Wald, der alte Förster hinter ihm drein. Im Hause blieb eine alte, durch die Ereignisse völlig kopflose Wärterin und das kleine, schreiende Kind. Da habe ich’s auf den Arm genommen und bin mit ihm durch den Wald geschritten. Wohlverwahrt lag es an meiner Brust.

Und wie ich das warme Etwas spürte, – kam mir das Leben, das ich geführt hatte, seltsam leer und öde vor – bis heute … Die weise Frau aus Lage hat mir ein richtiges »Wochenzimmer« eingerichtet und mit derben Scherzen, wie sie diese Frauen leicht annehmen, nicht gekargt. Alle Sachen und Sächelchen, die solch ein Neugeborenes braucht, sind vom Försterhaus in mein Schlafzimmer übergesiedelt, und die alte Wärterin Marianne hat auch wieder einen Kopf bekommen, den ich ihr etwas zurechtsetzte.

Nun bin ich Mutter. Herrgott, hab’ Dank! Und hilf mir, daß ich eine rechte Mutter werde für dies Waislein.