›Clementine‹ würde ich anmaßend von mir finden. Und gegen ›Brigitte‹ sträube ich mich, und werde es nie zugeben.
Und nun, verehrte Regenschirmbase, noch eine ganz ernste Sache: Sie werden den idiotischen Krüppel, der leider hie und da Ihren Weg gekreuzt hat, nie wieder berühren! Ich verlange das ganz einfach von Ihnen, kraft meines Rechtes als älterer Vetter. Und die kleine Base, die so fein zu organisieren, so tapfer zu befehlen, so lieb zu bitten versteht, wird ohne Widerspruch gehorchen. Und wird den Kranken mit Strenge in das Haus mit dem tempelartigen Vorbau verweisen, das auf meinem Grund und Boden steht. – Und nachdem das kleine Mädchen bis jetzt so getan hat, als hätte sie aufmerksam den Brief bis hieher gelesen, während sie doch ihre Gedanken nur an dem einen Punkte haften ließ, daß ich den Namen Brigitte verwerfe, sage ich ihm leise ins Ohr, daß Brigitte ganz einzig ist, gar nicht noch einmal in der Welt vorkommen kann, und es mir deshalb vom künstlerischen Standpunkt aus unleidlich ist, irgendein Lebewesen ebenso genannt zu wissen wie sie …
Clemens, der Enterbte.«
14.
Wir haben die Taufe der kleinen Erika begangen. Pastor Oswald hat wie ein rechter, echter Hirt gesprochen, aber im Kopf und Herzen des unglücklichen Vaters der Kleinen ist wohl nichts haftengeblieben.
Es gibt nichts Trostloseres, als solch eine Feier am offenen Sarge einer Mutter. Aber die Sitte will es hier so, und Sitten und Gebräuche können sehr unbarmherzig sein. Ich kam auch nachgerade in eine bedrückend trübe Stimmung hinein und wunderte mich eigentlich, daß die Mutterhände sich nicht plötzlich ausstreckten und das Kind zu sich betteten. Und daß sie nicht all die vielen laut weinenden Weiber fortwiesen, die so sehr mit ihrem Geschrei die Ruhe des Todes und die Ruhe des lebenden und schlafenden Kindleins störten.
Nach der Taufe wurde der Sarg geschlossen und fortgetragen. Der junge Förster stand wie ein Taumelnder. Sein Vater schob ihn zu mir hin, vielleicht sollte er mir danken, daß ich sein Kind in mein Haus und an mein Herz nahm. Ich sah in zwei schier erloschene Augen und in versteinerte Züge. Da wandte ich mich ab und trat zur Seite, und der alte Vater stützte den jungen Sohn und führte ihn zu den Menschen, die den Sarg zum Friedhof geleiteten. Es war ein seltsamer Tag und ein besinnlicher Abend. Für die Teilnehmer an der Trauerfeier und dem Begräbnis – es war wohl das ganze Dorf versammelt – habe ich Kaffee kochen und einen Imbiß herrichten lassen im Forsthaus. Eva war mit zwei Mädchen dort und hat alles versorgt. – Ich selbst betreute das Kind und blieb mit wunderlichen Gedanken bei der Wiege. Ohm Matthias und Tante Fernande spielten Schach. Diese Stunden versöhnen beide, und infolgedessen sind’s auch für mich Feierstunden. Ich schaukelte sacht die Wiege. Im Kamin loderten knackende Holzscheite. Mein Leben hat nie lodernde Flammen gekannt, nur herzerquickende Wärme …
Hab’ Dank über das Grab hinaus, mein herrlicher Vater! Und du, herzliebste Mutter! Ihr gabt mir das Eiland, die sonnige, behütete Jugend. Pflanztet die heilige Menschenliebe in mein Herz, und ich erbte von euch beiden doch Herbheit genug, ein kleines, festes Mäuerlein um mich zu bauen. –
Wenn die Liebe, die die Dichter besingen und unsterblich machen, so furchtbare Kraft hat, daß sie einen starken, bodenständigen, fast ein wenig bäurisch-tölpelhaften Mann wie den jungen Förster Nordstamm zum Greise wandelt, der schier ohne seine fünf Sinne herumgeht, der seiner Vaterpflicht vergißt, weil ihm das junge Weib starb, – dann will ich mich vor der Liebe bewußt hüten. – Bisher ist sie noch nicht an mich herangetreten. Man hat in ehrlicher Freude mit mir geplaudert, auch ist wohl manch ein kecker Bewunderungsblick zu mir hingeflogen, aber man bestürmt arme Töchter höherer Stände nicht mit Bitten: »Komm auf mein Schloß mit mir.« Ich hätte auch, – zwar mit dem Schloß, aber nicht mit dem Bittenden, etwas anfangen können. Jetzt hat mir ein gütiges Geschick ein Schloß »ohne lästiges Zubehör« geschenkt, – das ist herzerquickend schön. Ei, und das Kindlein? das rosige, atmende, werdende Etwas? Sollten Leute, die keine Menschenliebe kennen, nicht gerade dies Kleinchen ein lästiges Zubehör nennen? Für mich ist’s ein Gottesgeschenk. –
Schier setzt mein Herzschlag aus bei dem Gedanken, man könnte dies Geschenk jemals wieder zurückfordern. –