Ich habe die väterlichen Ratschläge des seltsamen Briefschreibers beherzigt und ein langsameres Tempo angeschlagen. Habe noch etliches gutes Personal angenommen, damit ich von gröberer Arbeit verschont bleibe, und habe mir die feinere vorbehalten. Das ist z. B. die restlose Versorgung des Kindleins, das neben meinem Bette schläft, und das ich bade, trockenlege, ankleide, und mit dem ich plaudere und lache. Ich glaube nicht, daß der mütterliche Leib allein zur Mutterschaft heiligt, – mütterlicher Geist, liebendes Herz und sorgende Hände können sich wohl auch den Namen Mutter verdienen. Vater Nordstamm hat seinem Kinde noch nicht nachgefragt, so gehört es mir um so einziger und inniger. Und wenn die Vaterliebe nicht etwa ganz plötzlich hervorbrechen sollte, so will ich durch meine Erziehung die Kindesliebe pflanzen und großziehen, dann wird die kleine Hand einmal mahnend und weckend an das verstörte Herz klopfen und es überwinden. –
Zu meinem Bereich gehört ferner noch die Armenpflege. Es gibt genug Kranke und Arme in Lage. Arm an Besitz und auch an Geist. Viele davon gehörten in ein festes Haus, weniger um ihrer Gefährlichkeit willen, als um der Aufsicht willen, die ihnen völlig fehlt. Es ist soviel tönendes Erz und klingende Schelle um sie herum, aber es mangelt die Liebe. Ob wohl dem Krüppel im Tempel jenseits meiner Grenze Liebe gegeben wird …?
Nirgends habe ich ein weibliches Wesen im engeren und weiteren Umkreise des Tempels entdeckt, und solch ein armes Geschöpf braucht doch treue Hände … Und warum es wohl frei herumläuft, wenn es einem doch verboten ist, ihm Gutes zu tun?
Ganz verloren und schüchtern bin ich mit diesen Fragen zu Eva gekommen, aber ein Granit kann nicht härter im Schweigen sein als sie. Auch bekommt sie, wenn man sie bedrängt, so hilflose Augen, denen gegenüber ich selbst hilflos werde. Ich frage dann nicht weiter, aber meinem offenen, mitteilsamen, liebebedürftigen Herzen sind diese Rätsel in und um Lage etwas sehr Quälendes. –
»Kleine Mädchen müssen nicht neugierig sein«, schreibt Ritter Lage. »Und nun vollends eine verständige Mutter von mindestens 25 Kindern, die ich so beiläufig zusammengezählt habe, und von denen die alte Korb-Sina am Ende des Dorfes die Älteste, Ohm Matthias der Zweite, ich selbst der Mittelste und Klein Erika die Jüngste ist. Oder hat man inzwischen noch ein Kind bekommen, das man meinem spürenden Spotte unterschlägt? Ich traue der jungen, unberechenbaren Regenschirmbase ein ganzes Waisenhaus zu. –
Haben Sie übrigens in dem Schatze Ihrer Märchen und Geschichten, die Sie den Dorfkindern auf Ihren Samaritergängen mit vollen Händen austeilen, auch das Märchen schlechthin von ›Gitti und dem Zornebock‹? Meine Großmutter erzählte es mir, mein geliebtes Großchen, das ich ›Grodeli‹ nannte. Und Sie sind das Urbild dieser Großmutter, die Ihre Urahne war. Deshalb nenne ich Sie in meinen Gedanken meistens Gitti, und mich können Sie als den Zornebock betrachten. Ach, es ist ein köstliches Märchen. Eben ein Märchen. Und ich rede und denke jetzt blühenden Unsinn, was ich doch bisher meiner verehrten Base ›Gitti Regenschirm‹ überließ.
Warum der Krüppel nicht von weiblichen, fürsorgenden Händen betreut wird? Weil nicht jeden das Ewigweibliche hinanzieht, sondern die meisten hinab. –
Warum er nicht in einem festen Hause verwahrt ist? Das geht Sie nichts an.
Clemens, der Enterbte.«