Ich habe eine schwere Zeit hinter mir. Klein Erika war krank, mein süßes Kind. Wie schneidet es ins Herz, ein Hilfloses leiden zu sehen. Der Arzt war gar nicht recht bei der Sache, wie mir schien. Und schier spöttisch lehnte er meine eigenen Ratschläge ab, welche die Angst geboren hatte. Mir war, als denke er, daß Klein Erika wohl am besten bei seiner toten Mutter aufgehoben und hier auf der Welt doch nur unwillkommen und schließlich eine Last sei. Männerweisheit. –

Ich habe dann seiner Gleichgültigkeit gegenüber nach meinem Ermessen gehandelt, habe vorsichtig mit Umschlägen operiert, um das Fieber nicht hochkommen zu lassen und die Schmerzen zu lindern. Warum muß eine Mutter in das Reich der Schatten gehen und etwas so Zartes zurücklassen? Ich glaube, wenn ein krankes Kindlein aus der Mutterbrust trinkt, muß es gleich gesunden. Und ich habe nur Liebe


Fünf bange Tage konnte ich das Zimmer nicht verlassen. Das Lichtlein drohte immer auszulöschen. Ich bat Eva, die Lampe in der Kapelle zu betreuen, wurde aber mit einem barschen »Tut nicht nötig« abgewiesen. Nun mußt’ ich des öftern an das Dunkel denken, das den Clemens umgibt …

Heute trieb es mich auf den Friedhof. So lange hatte mich dies stille Fleckchen nicht gesehen, und ich wollte doch Tante Jesuliebe-Brigittes Grab so herrichten lassen, wie die Seltsame, die Eigenbrötlerin, die unendlich Gütige, es verdiente.

»Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren«, sagte einst der fromme Simeon. »Denn meine Augen …«

Ich rieb die meinen heute in unfaßbarem Staunen, – meinte, die Vision müsse verschwinden. Aber sie blieb leuchtend weiß vor meinen Blicken bestehen und hob sich von tiefdunklen Tannen ab. Die »Pietà« aus dem geheimnisvollen Tempel stand auf dem Grabe von Jesuliebe Lage. – Ich frage nicht, wie man sie hinzaubern konnte, ohne daß ich nur das Geringste davon gewahr wurde. Denn in der tiefen Stille meines Hauses und meiner weiteren Umgebung müßte man wohl das Rollen und Ächzen eines schweren Wagens vernehmen, dem solch ein Marmor anvertraut ist …

Ich frage nicht. In mir ist plötzlich der Wille geboren, alles, was Lage mir gibt, als ein liebes Wunder anzunehmen. Fragen sind laut, sind unharmonisch. Dies Marmorbildnis tönt wie eine große Symphonie. Die Liebe spannte alle Saiten, und ein gewaltiger Geist vermochte darauf zu spielen.

Ich wandle durch das Königreich der Freude. –