In Tante Jesuliebes Zimmer kommen mir Erkenntnisse. Sitze ich in dem runden Sessel am Schreibtisch, in dem ich schier versinke, so wird mir alles übersichtlich in Kopf und Herz, was mir vorher ungeordnet schien. Vielfach verknotete Dinge entwirren sich, in dunkle Wege fallen Lichtstrahlen, Hindernisse lassen sich übersteigen.

Die Fäden vieler Menschenschicksale laufen hier in Haus Lage zuhauf. Muhme Jesuliebe hat angefangen, sie zu einer Webkette zusammenzuscheren. Ihr Wille und Werk blieb unvollendet.

Entriß ihr der Tod das Handwerkszeug?

Ich glaube das nicht.

Denn als sie die Worte niederschrieb: »Zünd an, Brigitte!«, da erwählte sie mich klaren Geistes zur Vollenderin ihres begonnenen Werkes. Und erst nach Monaten traf sie der lähmende Schlag, dem bald der harte Tod folgte. Aus der drängenden Bitte der Toten klingt es wie Jammer zu mir herüber.

Klage über ihre Unfähigkeit?

Wie kann ich dies beschämende, herabsetzende Wort mit Muhme Jesuliebes Klugheit und Arbeitswillen paaren? Wird es mir, der jungen, so viel minderen Nachfahrin, gelingen, die zusammengeschorenen Lebensschicksale zu einem festen Gewebe zu vereinen?

Wie nennt sich das bindende Edelmaterial für den starken Einschlag? Herrgott, ich fühl’s, es verlohnt sich kein Suchen, denn nach der Liebe, und ich brauche nichts zu wissen, was mich die Liebe nicht lehrt. –

18.

Bin noch gar nicht wieder in meinen Märchenwald gekommen. Gerade weil es mich mit Allgewalt zu ihm hin- und in ihn hineinzieht, nehme ich mich an die Kandare. Über mich befehlen soll nur die Arbeit. Es ist wohl die feste Mauer, um die ich gebetet habe. Sie hat sich wie ein Gürtel rings um Lage gelegt. Und wohin ich nur schaue, gibt es Arbeit zu überwältigen, zu der sich außer meinen eigenen nicht allzu viele willige Hände ausstrecken. Immer wieder gehe ich auf die Suche. Maria Dörping und Gese Tönnings habe ich mir verpflichtet. Diese beiden Gegenfüßler, von denen die eine das leichtsinnige Heim mit der übelbeleumundeten Großmutter adeln, und die andere den ihr eigenen leichtsinnigen Ton in das strenge, ehrbare Gefüge des Elternhauses hineinsingen will. Die beiden verschieden gearteten Mädchen haben kein gutes Einvernehmen und arbeiten widerwillig miteinander. Maria Dörping sagt nichts, aber sie »blickt«. Ihre ernsten Augen fragen unablässig: »Warum verflachst und verhudelst du dir dein eigenes Leben?« Diese fragenden Augen reizen Gese Tönnings, und sie bricht den Streit vom Zaun, der aber höchst einseitig geführt wird.