Großtante Lage aß 15 Stück davon, nahm immer nach je dreien einen Löffel Bullrichsalz und ging dann gleich hochbefriedigt zu Bett. –
Der rote Regenschirm von der Großtante ist schuld, daß ich Erbin des grauen Alltags bin. Mit dem roten Regenschirm hat sie alljährlich der Reihe nach ihre Neffen und Nichten erprobt, die weit näher als wir mit ihr verwandt waren. In Bayern, in Schlesien, in Pommern, in Württemberg und in Holland war sie, aber überall hatte sich die Jugend geweigert, mit ihr und dem Schirm durch die Straßen zu ziehen. Viel Grobheit und Verlachen und eitel schnippische Antworten sind ihr zuteil geworden; weiß nicht, welch guter Engel gerade damals über mir wildem, unbotmäßigem Ding gewacht hat, daß ich meine spottlustige Zunge im Zaume hielt. – So wurde es für mich wahrhaft eine »bon voyage«. Herzlieber, guter, alter Regenschirm, hab’ Dank! Du ließest mich einen Menschen finden und gabst mir eine Heimat!
2.
Heute erhielt ich einen Brief von einem der übergangenen Erben. Er lebt in Holland in überreichen Verhältnissen und scheint glücklich zu sein, den grauen Alltag nicht geerbt zu haben. Er redet mich »Verehrte Regenschirmbase!« an, ist also auf dem laufenden. – Von Herzen wünscht er mir Glück zu der Erbschaft, teilt mir mit, daß er nur noch von zwei alten Lages wüßte, einem Spitalweibchen Fernande Lage, die bei Minden wohne, und einem Matthias Lage aus Paderborn, beide in kümmerlichen Verhältnissen. Er, der Holländer, habe sie unterstützt, aber nie eine Antwort erhalten. Das Spitalweibchen sei eine störrische Lutheranerin, der Matthias Lage hingegen gläubiger Katholik. Von der damaligen Jugend vor ungefähr 25 Jahren sei merkwürdigerweise außer ihm alles verstorben, teils in Wochenbetten, teils in Duellen und sonstigen Raufhändeln, die Lages seien ja allesamt eine närrische Art von Homo sapiens Linné. Dies zur Vervollkommnung der Familiengeschichte. Es sei recht erfreulich, daß Muhme Jesuliebe mit echt Lagescher Spürnase noch etwas Junges aufgestöbert habe. Zum Schluß hofft er, daß der Clemens nicht im grauen Alltag spuke. Diese Bemerkung ist mir vollkommen unverständlich, aber ich werde schon noch dahinterkommen. –
3.
Nun breche ich hier in Thüringen meine Zelte ab, es ist eigentlich nur ein kleinwinziges Zelt im Dörfchen Hochheim bei Erfurt, wohin ich mich verzog, als vier Augen sich schlossen und ich nun nichts weiter vorstellte, als ein »armes Mädchen höherer Stände«. Das ist etwas unglaublich Hartes und erschrecklich Weniges, und jeder glaubt sich berufen, gute oder minderwertige Ratschläge, hie und da auch einen kleinen Fußtritt zu geben. Oder auch mit feinfeinen Nadeln just in die Stelle zu stechen, da es am wehesten tut. So wollten »gute Freunde und getreue Nachbarn« mir durchaus meinen Urväterhausrat über den Kopf weg verkaufen, und meine Aufwärterin nennt mich »kumplett verrückt«, weil ich mir alles gerettet habe, da ich doch für Väterchens uraltes Zylinderbüro und Muttchens eingelegten Schreibtisch »Unsummen« bekommen hätte. – Diese Unsummen würden aber niemals die Summen der Glückesstunden aufwiegen, die ich an diesen beiden Möbelstücken erlebte, durchlitt und durchlachte. Märchenerzähler waren beide Eltern, und führte mich Vater Ernst durch selbsterdachte köstliche Geschichten, die ein unsagbar feiner, guter Humor durchsonnte, so gab mir Mutter Pauline den Reichtum von Andersens Märchen. – Nun steht »Speditör König« mit seinem Möbelwagen vor meiner Tür, und der Kutscher sagt: »Hü, alle meine Pferde« zu dem einzigen, das davorgespannt ist, genau wie es der kleine Klaus tut in Andersens Märchen. Ich habe soeben viele Hände, schwielige und weiche vornehme, gedrückt und ziehe nun mit meinem persönlichen Gepäck von dannen, als da sind: »Vaters Statur, des Lebens ernstes Führen und Mütterchens Frohnatur und Lust zum Fabulieren.«
4.
Mit Gott! Ich bin in Haus Lage. Von weiter, roter Heide ist es dicht umgeben, von Birken und hohen Wacholdern, von Ginsterbüschen, die leuchtend gelb blühen. Hier soll das Thüringer Waldkind daheim sein und ist’s schon. Ist mit tausend feinen Fäden bereits gefesselt, schier jede rote Dolde hat sich eng mit dem Herzen verknüpft. Hinter der Heide, im Rücken von Haus Lage, liegt Wald, tiefer Tannen-, Eichen- und Buchenwald, ein köstlich Fleckchen Erde. Im Park steht eine Ruine, die Spanier haben im Dreißigjährigen Kriege das Schloß zerstört. Jetzt rankt sich Efeu dicht herum, von den Gemächern ist nur das – Gefängnis übriggeblieben, eine eisenbeschlagene, schwere Tür führt hinein. Das Licht konnte nur durch eine Falltür von oben eindringen, wenn sich nicht ein Sonnenstrahl just dann verirrte, wenn der Wärter das Essen durch die Klappe schob. – Mich fröstelte, als ich diese Unterkunft sah. Gefangen inmitten der weiten, weiten Heide …
Eine schneeweiße Bank habe ich hinsetzen lassen vor ein efeuumwuchertes Fenster im Erdgeschoß. In diesem Fenster mag oft in tiefer Nische, die von wohlerhaltener durchbrochener Steinornamentik umgrenzt ist, eine schöne Fraue von Lage gesessen, gestickt und geplaudert haben. Mit wem? Das werde ich wohl noch ergründen können, wenn ich erst einmal die Bücherei durchstöbert habe. Auf dies Tagewerk freue ich mich. Deshalb hat es noch gute Wege damit. Denn noch bin ich nicht zur Freude hier, sondern zur Arbeit.
Die Tante Jesuliebe-Brigitte Lage scheint eine Arbeitswut gehabt zu haben. Überall begegnet man irgendeinem Sprichwort, das auf die Arbeit Bezug hat, oder auch einem kategorischen Imperativ. Als ich gestern hinter der Ruine den uralten Baum erkletterte, dessen verzweigte Wurzeln sich wie ein Wappenschild von der Mauer abheben, las ich eingeschnitten in den Stamm: »Arbeite!« Und war doch hingekommen, um mich zu verstecken, um zu rasten und zu träumen. Und so viel Macht hatte das herrische Wort, daß ich sofort wieder hinunterstieg und selbst mit Hand anlegte bei der Säuberung des inwendigen Hauses, auf daß mein Hausrat bald seine bleibende Statt fände. Wenn alles bis auf den letzten Nagel an Ort und Stelle ist, dann will ich in Tante Jesuliebes Gemächer gehen und die Erbschaft völlig antreten. Vielleicht finde ich auch dort irgendeine Weisung, einen Brief …