Davor fürchte ich mich. Es ist gewiß töricht von mir, aber ich möchte lieber allein einen, wenn auch schweren oder gefahrvollen, Weg gehen, als mich durch Bitten oder Befehle einer Toten bestimmen zu lassen.
Heute nacht ließ mich der Vollmond nicht schlafen. Er stand grellweiß, ein riesenhafter Scheinwerfer, am Himmel. Sein Licht lag gespenstisch auf der Ruine und dem weiten Rasen davor. Ich erhob mich von meinem Lager, hastig kleidete ich mich an und warf meinen dicken Flauschmantel über. Die schwere Tür öffnete ich (alle Türen sind hier groß und gewichtig) und schlich mich hinunter. Aber selbst unter meinem sachten Schritt ächzte die alte Treppe, und das Ächzen löste ein seltsames Echo in dem hallenden Gange aus. Dann stand ich auf dem Rasen vor der Ruine, und nun trank ich buchstäblich die Schönheit der Vollmondnacht in mich hinein. Haus Lage und das Trümmerschloß – eingebettet waren sie in Licht. Nichts vom grauen Alltag ringsumher … Und in meinem Innern ein grenzenloser Jubel, ein Glücksgefühl ohnegleichen. Ich nickte dem alten Hause zu: Du bist mein! Und der Ruine: Du bist mein! Der stille, mondbeschienene Park, die Sonnenuhr, ja der alte, schwarze Geräteschuppen, den das Mondlicht malerisch verklärte, jedes bekam den Gruß: Du bist mein! Die junge Brigitte Lage, die bisher nur gerechnet: was soll ich essen, was soll ich trinken, womit soll ich mich kleiden? Sie besaß plötzlich etwas; nicht etwas, – hundert Dinge. – Sie war eine Erbin. Ja, aber Erbin des grauen Alltags. Warum hatte man dies Fleckchen Erde so genannt? Warum bewußt einen Schatten darauf geworfen? Der sich doch ganz und gar verbergen mußte, da Gottes Licht den grauen Alltag in seine Arme nahm. Ich setzte mich auf die weiße Bank vor die Ruine, meine Gedanken waren unruhig und jagten sich. »Der häßliche Name müßte ganz verschwinden, er hat keine Berechtigung,« trumpfte ich laut – »schwarze und graue häßliche Dinge werden in Lage nicht mehr gelitten; dixi, ich habe gesprochen …!«
Da fuhr etwas Graues, unsagbar Häßliches aus der einen großen, leeren Augenhöhle der Ruine und strich klatschend über mein Haar hin. Laut schrie ich auf.
Gleich darauf kam ein Lachen. Voll und tief, seltsam melodisch. – Und eine gute Stimme sprach neben mir: »Heldenseele! – will Ewigkeitsnamen ohne Hammer und Meißel ausmerzen. Schier nur mit einem Gedanken … Und fürchtet sich vor einer Fledermaus. Kindskopf!!!«
Scheu sah ich mich um. Und da ich niemand entdeckte, so angestrengt ich auch spähte, kroch mir wahrhaftig fröstelnde Furcht über den Rücken. »Wer spricht da?« fragte ich bang. Und etwas beherzter: »Wer sind Sie?«
»Die Fledermaus«, tönte die Antwort irgendwoher.
Da gab ich Fersengeld, und das tiefe, musikalische Lachen hallte hinter mir drein. Die alte Kastellanin Eva empfing mich geruhig an der Haustür. »Nur zahm, nur zahm!« sagte sie und zog mich hinein. Ohne Staunen und weitere Worte, als sei es nichts Besonderes, daß ihre junge Herrin nachts zwischen 2 und 3 Uhr wie ein Wirbelwind daherjage. Erst als ich auf dem Rand meines Bettes saß und sie mir die feuchten Schuhe auszog, äußerte sie sich, – schier beifällig. »Eine echte Lage, ich habe nun den Beweis«, mümmelte sie, denn sie hat keinen Zahn mehr. »Da ist noch kein männlicher und kein weiblicher Lage gewesen, der hier nicht im Mondschein herumgegeistert hätte.«
»Eva! Wohnt noch irgend jemand außer uns im Haus Lage oder in der Ruine?« fragte ich mit Herzklopfen.
»Irgend jemand? Da sind eine Menge! Da ist mein Neffe Josua, da ist die Köchin Rahel, da ist der Gärtner Michael und sein Gehilfe Benjamin und wohl zwanzig Parkarbeiter, die in der Ökonomie schlafen …«