»Nein, nein, die meine ich nicht«, wehrte ich ab. Diese alttestamentliche Garde, die sie mir da aufzählte, lag mir nicht im Sinne. Sie war alt, uralt, wie Eva auch. Und das Lachen hatte jung geklungen – und fein gebildet. Also konnte die »Fledermaus« auch kein Methusalem sein.
»Eva, wie alt bist du eigentlich?« fragte ich wieder.
»Das kann ich dem gnädigen Fräulein wohl auch morgen vormittag sagen, nicht um 3 Uhr nachts«, lautete die Antwort; und wie ein Spuk war Eva draußen. Sie ist unglaublich rasch, die Alte. Wäre der zahnlose Mund nicht, das eisgraue Haar und die hundert Runzeln, man könnte ihr 50 Jahre weniger geben. Sie hört wie ein Fuchs und sieht wie ein Luchs und läuft wie ein Wiesel. Aber sie spricht von Friedrich Wilhelm dem Dritten, der einmal in Lage gewesen sein soll, – und von Goethe – als sei sie mit beiden groß geworden. – Doch von ihrem Alter mag sie nicht reden hören – die echte Eva. – Man wählt hier in Lage die Namen der Dörfler alle nach der Bibel. Der Hausvater sticht an der Wiege des Neugeborenen mit spitzer langer Nadel in das Bibelbuch, und welcher Name dem Stiche am nächsten ist, der wird für das Kind gewählt. »Josua, der Neffe« gilt bei seiner Tante als Springinsfeld und Übermut, immerhin schätze ich ihn auf Mitte der Fünfzig. Sie hat bei ihrem eigenen hohen Alter den Maßstab für ihre Umgebung verloren. Ich weiß, daß sie mich hinter meinem Rücken »das Kleine« nennt, aber es klingt unendlich gut und mütterlich. Trotzdem bleibe ich für sie »das gnädige Fräulein Lage«.
Diese Sachen überdachte ich, während ich mich wieder wohlig im warmen Bette ausstreckte. Wollte den »Fledermausgedanken« entfliehen …
5.
Wir leben jetzt im Wonnemonat Mai. Aber das weiß ich nur vom Hörensagen und aus Thüringer Briefen, die freilich spärlich genug für mich abgegeben werden. Das arme Freifräulein Lage war auch arm an Freunden geworden, und die Erbin – will nun nicht. »Eine Mauer um uns baue«, möcht’ ich beten, wie das fromme Mütterlein im Gedicht von Clemens Brentano. Das feste Mäuerlein um Haus Lage haben die Spanier niedergerissen im Dreißigjährigen Kriege. Hätten auch etwas Gescheiteres tun können. Nun ist’s freilich leicht, auf meinem Grund und Boden herumzustöbern – für nächtliches Gesindel – Fledermäuse und dergleichen …
Also wir merken hier nichts vom Wonnemonat. Es regnet und stürmt und ist eisig kalt. Nur im Hause drin prasseln die Holzscheite in zwei großen Kaminen und vier mächtigen Kachelöfen. Man könnte auf Weihnachten raten, so gemütlich ist’s. Ich möchte erst einmal die eisige Luft aus allen Zimmern bringen, sie ließ einem schier das Herz erstarren, als ich herkam. »Davon weiß ich nichts«, meinte die alte Eva geruhig, als ich sie darum befragte. »Das gnädige Fräulein Jesuliebe hat wohl manchmal ein Feuerlein brennen lassen, aber der Herr Vater selig und die Frau Mutter selig, und was sonst so von den Herrschaften hier wohnte, die waren alle nicht für Wärme …«
Ich schaute die Eva scharf an, aber ich sah, die gute Alte hatte es streng wörtlich gemeint.
Ich aber »bin für Wärme«. Herrgott, ja. Seit gestern friere ich in Haus Lage. Ich schone den mächtigen Holzvorrat nicht. Josua hat mich schon vorwurfsvoll angesehen. Aber ich weiß aus den Büchern, daß der graue Alltag von 14000 Morgen Wald umgeben ist. Mit dem Förster habe ich auch schon gesprochen, er ist alt, wie beinahe alles hier, und lebt als Witwer bei seinem Sohn und der Schwiegertochter. Es ist eine Erbförsterei. Die ganze Stube hängt bei ihnen voll »Förster«, und darunter prangt immer derselbe Mann noch einmal als »reitender Feldjäger«. Schmuck sehen sie alle aus, die »Förster Nordstamm«. Vater und Sohn haben schon einen langen Gang mit mir durch »meinen« Wald gemacht. Ich sage meinen Wald, weil er mir gehört, und um mich scherzend zu behaupten gegen den alten und den jungen Förster, die auch beide von »ihrem« Walde sprechen. Die junge Frau Rika blieb daheim, sie erwartet ihr erstes Kind und ist nicht sehr kräftig, aber fröhlich und guter Dinge. – Als der Wald am dichtesten und tiefsten wurde, schier wie ein Urwald, da spürte ich trotz des stundenweiten Weges neue Kräfte. Welche Wonne, in diese tiefe, lockende Stille hineinzudringen, vor jedem dieser seltsam geformten Ungeheuer staunend stehenzubleiben. Sie begrenzten die schmale Spur, die kaum den Anspruch auf die Bezeichnung »Weg« erheben konnte. Und die ihn oft genug drohend verlegten, wie ich weithin mit meinen scharfen Augen sah.
»Nun wird es sehr unwirtsam«, bemerkte der alte Förster nach einer Weile, und der junge stimmte ihm eifrig bei. »In diese Wildnis sind die Damen Lage nie eingedrungen, da ist oft nicht Weg noch Steg. Aber der Herr Baron wollte eben seinen Urwald haben …«