Ich warf noch einen bewundernden und schmerzlich verlangenden Blick auf die schmale Spur, die zwischen Stechpalmen und Farnen dahin führte. Und dann nickte ich lachend einem wunderlichen Baume zu, der wahrhaftig wie ein Waldweibchen aussah mit krummer Nase und zahnlosem Mund: »Gute Nacht, Eichenmuhme, ich komme bald wieder und besuche dich.« Denn »der Urwald ist jetzt mein«, wandte ich mich an meine Begleiter, »und was mein ist, will ich kennenlernen von Ur to Enn.«
Vater und Sohn Nordstamm tauschten Blicke. »’s ist eben eine Lage«, hießen diese Blicke, das war mir ganz klar, ohne daß sie mit ihrem Finger auf die Stirn deuteten. Wir kehrten nun um, und ich prägte meinem Gedächtnis den Weg ein, versäumte auch nicht, wie weiland Hänsel und Gretel unauffällig rote Ilexbeeren zu streuen; sie reichten gerade bis zur Grenze des Parkes, und von dort aus fand ich meine Heimat ohne Führer. Ja, es ist meine Heimat. Nirgends sonst seit meiner sonnigen Kinderzeit war ich so mit dem Herzen in irgendeiner Landschaft, nirgend sonst seit Vaters Tode tönte so stark und süß die uralte ewige Heimatmelodie aus Baum und Strauch, aus Fluß und Wiese, aus Hecken und Ackerscholle. Lage, sei gesegnet!
Der Mond stand noch immer köstlich voll am Himmel. Ich ahnte eine zweite unruhige Nacht, nahm mir aber fest vor, die Ruine und die Fledermäuse heute unbeachtet zu lassen. Aber abkürzen wollte ich die Nacht, indem ich mir aus Tante Jesuliebes Zimmer irgend etwas Lesenswertes holte, mit dem ich mich in meinen roten Ledersessel einkuschelte bei grünbeschirmter Lampe und prasselndem Kaminfeuer. Schon dieser Vorsatz allein schuf Behaglichkeit. – Die alte Eva setzte mir die Lampe und einen kleinen Imbiß, köstliche Buttermilch und selbstgebackenes Schwarzbrot hin, dazu duftende Gravensteiner Äpfel. Und nach der langen Wanderung vertilgte ich alles mit Stumpf und Stiel. –
Es war unsagbar gemütlich. Mit einer brennenden Kerze auf hohem silbernen Leuchter stieg ich dann ins Dachgeschoß, das Tante Jesuliebes Zimmer in sich barg. Zwei große, seltsame, getäfelte Stuben, hoch und geräumig. Der Wohnraum ist fast saalartig. Eine stattliche Reihe »Lages« hängt an den Wänden, stattlich war auch bei den Mannsen der Wuchs, doch die Frauen zeigten sich mit wenigen Ausnahmen klein und zierlich. Ach! und hochmütig, – hochmütig schienen sie alle gewesen zu sein. – So waren wir Thüringer Lages wohl aus der Art geschlagen. Bei uns war der Hochmut als Dummheit gebrandmarkt worden, und so fehlte dieser Zug auch auf Vaters Bild, der im Schmucke der ordenbesäten Staatsuniform die Reihen schloß. Nicht hochmütig, – hochgemut sah er aus, der einzige. In sein Anschauen vertieft, hätte ich schier mein Vorhaben vergessen. Aber es klopfte an der Tür, und ich schrak zusammen. Auch ohne mein »Herein!« abzuwarten, stand Eva dann vor mir, und mit altmodischem Knicks teilte sie mir mit, daß man in Zimmern Verstorbener nie länger als 7 Minuten weilen dürfte, wenn man es zum erstenmal beträte, beim zweitenmal dann 14 Minuten, beim dritten 21, das sei nun »mal so«.
»Meine gute, alte Eva,« rief ich und gab ihr einen Kuß auf die runzlige Wange, »gewöhne dich daran, daß bei mir nichts, aber auch gar nichts ›mal so‹ ist. Wir wollen unsern Tag recht sonnenhell beginnen und ebenso klar schließen. Allem Aberglauben sagen wir ab, bei jeglichem Spuk gehen wir der Ursache nach, und wo es uns nicht gelingt, da sind’s halt Fledermäuse gewesen; hörst du, Eva?«
»Haben gnädig Fräulein Fledermäuse gesehen?« fragte sie ungerührt. »Das wäre schade. Denn das bedeutet, daß gnädig Fräulein ihr Lebtag in Lage bleibt, also sozusagen unvermählt. Schade, schade!« Und sie schüttelte ihren alten Kopf anhaltend.
»O du unverbesserliche Eva!« Ich lachte herzlich. Dann ergriff ich ein zierliches Buch, das in leuchtendes und duftendes Juchten gebunden war und preislich auf Tante Jesuliebes altmodischem Schreibtisch lag. Und einen schweren Folianten, der silberbeschlagen auf einem Bord ruhte, hieß ich gleichfalls mitfolgen, so würde der Abend beim behaglichen Lesen im Fluge vergehen, und der Mond sollte mich nicht wecken, noch necken. –
Beide Bücher sind leer. –
Fast leer.