Frühmorgens.
Die großen, hallenden Räume im grauen Alltag werden mir zu eng. Zudem ist es Sonntag, und alle Waldglocken läuten ihn ein. So will ich hinauswandern zur Clemenskapelle, mit raschen, einsamen Schritten, ehe ich mit dem ganzen Dorf in der Kirche des grauen Alltags bete …
Am Abend desselben Tages.
Derselbe Tag, derselbe Abend. Aber ich? Wer bin ich? Doch nicht derselbe Mensch? Die Prinzessin Weißnichts, aus dem Hause Ohnearg? Die alle Möglichkeiten verschlafen hatte und ausging, das Glück zu suchen? O du mein einziger Lager Wald! Wie ich dir aberhundert Kosenamen gab, so gib du mir den rechten Ruf zurück: Prinzessin Weißalles! Prinzessin Findeglück!
»Meinen Eingang segne Gott«, so rief ich heute morgen laut, als ich den Lager Wald betrat. Und just in diesem Augenblick legte sich die liebe Sonne wie ein breites, goldenes Band um meine braune Heide. Die zeigt schon viele rote Blüten und wartet nur noch auf die Mitte des Augustmondes, um in vollster, leuchtend roter Pracht zu strahlen. Und es taten sich Dome von silberstämmigen Buchen auf. Ihre Zweige reichten bis zum Himmel und klopften beim Herrgott an, daß Er sie segne …
Wann hatte ich das schon einmal erlebt?
Jähe Freude beflügelte meinen Schritt. Ein Lichtchen leuchtete durch die Tannenwildnis hindurch. Komm! winkte es, komm!
Da lachten wohl meine Augen und mein ganzes Herz. Und ich grüßte die Clemenskapelle und die ewige Lampe. Auf der Schwelle des Kirchleins lag das zusammengesunkene Bündel, das ich so gut kannte in seiner Hilflosigkeit.
»Bist du auch wieder da?« fragte ich liebreich. Und ich beugte mich nieder und küßte den armen Kopf mit dem borstigen, rötlichen Schopf.
Da geschah etwas Schreckliches. Der Krüppel sprang in furchtbarer Gelenkigkeit auf und warf sich über mich. Jäh stürzte ich zu Boden und schlug hart mit dem Hinterkopf an den steinernen Fuß des heiligen Clemens. Da hab’ ich wohl gerufen, weit, weit hallend, in meiner gräßlichen Angst und Not.