Wunderliches, seltsames Leben! Mit diesem Gemeinplatz muß ich meinen Tag beginnen. – Mein tiefster Wunsch, einen Bruder zu haben, einen natürlichen Beschützer, ist in Erfüllung gegangen. Pastor Konrad Oswald. Er ist mir Bruder geworden. Und sehr fröhlich und befreiend schließt dieses Kapitel für mich ab. Madame Oswald freilich … Ich kann ihr hier nicht helfen. Eine echte Mutter muß diesen Weg allein zu ihrem Kinde finden. – Zwei Menschen standen heute vor mir Hand in Hand, nachdem Pastor Oswald zuerst über eine Stunde allein mit mir gesprochen hatte. Ich will sein zartes, liebes Bekenntnis, das mich ehrt und stolz macht, nicht einmal diesem stillen Folianten anvertrauen. Wenn er so groß ist, daß er eigenes Wollen begräbt, um die starke Linie zu verfolgen, die in dem Wahlspruch gipfelt: gut sein und glücklich machen, – wenn er nur an das Dorf denkt, an die trostbedürftigen Alten, an die Hilfeheischenden, an die Siechen und widerborstigen Gesunden, an das Edelmaterial, das in der Lager Jugend steckt … Oh, dann soll mein Bruder Konrad gesegnet sein! Weil er selbst ein Segen ist. Mit Maria Dörping hat er sich versprochen. Da kommen zwei Edelmenschen zusammen. Ich bin innerlich so tief glücklich darüber, daß ich mein Leid über den toten Wald und den leeren Tempel weit zurückzudrängen vermag. Fühle auch, welch starke Kampfnatur ich bin. – In dem Bestreben, diesen beiden zu helfen, wachsen mir noch ungeahnte Kräfte. Was für Widerstände gibt’s hier noch zu überwinden! Nicht allein bei der vornehmen Hamburgerin, der die Wahl des Sohnes ein so harter Schlag gegen alle Tradition bedeutet, daß sie ihn um jeden Preis abzuwenden versuchte. Auch der graue Alltag ist wie ein verstörter Ameisenhaufen. Das ganze Dorf zischelt und schilt und mutmaßt, und das einzige Lachende ist das breite Grinsen der Korb-Sina. Es ward ihr wahrlich nicht an der Wiege gesungen, daß ihr Schwiegerenkel einst der Pfarrer von Lage sein würde. Sie machte heute glänzende Geschäfte. Verkaufte ihre sämtlichen Körbe. Sämtliche Dörfler gaben sich bei ihr ein Stelldichein. Neues wollten alle über die unerhörte Begebenheit erfahren, und doch ist niemand auf seine Kosten gekommen.
Außer der Korb-Sina. Die strich ihre Batzen ein und schwieg. Kicherte nur und hohnlachte wie eine rechte, echte Hexe. Aber nun hat sie ihre Stube aufgeräumt und ihr Gottestischkleid angezogen. Am Fenster sitzt sie geruhlich mit einem Strickstrumpf, und ihre Augen hängen an dem blühenden Myrtenbaum, der auf dem Sims steht. Den hat sie lange treulich für die Enkelin gehegt und betreut. Sie selbst und ihre eigene Tochter hatten der Myrte und ihres Sinnbildes nicht geachtet. Aber Maria Dörpings weißes Brautkleid wird von Myrten überrankt sein, und ihren feinen Kopf wird der grüne, geschlossene Kranz zieren. All das liest man im runenvollen Gesicht der Großmutter. Sie grüßt stolz jeden neuen Besucher und macht sich den uralten Sinnspruch auf ihre Art zurecht: »Ist der Zweig heilig, so ist es auch die Wurzel.« Noch geht die Mißgunst durch das Dorf Lage und den grauen Alltag. Aber dessen bin ich gewiß, es wird nicht standhalten vor Marias ernster Art. Sie wird sich nicht überheben, wenn sie die Gattin des Seelsorgers ist, vielmehr freiwillig den Panzer ablegen, mit dem sie sich umgürtet hatte, weil sie fühlte, daß man sie und die Großmutter mied. Für das Dorf war die Wahl, die Pastor Oswald traf, eine weise, er kann Besseres mit dem vermögenslosen, schlichten Dorfkind wirken, denn mit mir, seiner Patronin. – Auch äußerlich geben die beiden ein schönes Paar. Maria ist hoch und schlank, und ihre herben, feinen Gesichtszüge stimmen gut zu seiner hamburgisch rassigen Vornehmheit. Mir gegenüber hat sie eine reizende Ehrerbietung, aus der ich spüre, wie gut Pastor Oswald über mich geurteilt haben mag. Es wird ein gutes Zusammenwirken werden. –
Abends.
Ich glaube nicht, daß ich jeden Tag so arbeiten darf, wie ich es heute tat. Denn in dem toten Wald ist niemand mehr, der Einhalt gebietet. Und keinen Menschen auf Gottes weiter Welt stört es, wenn das Maschinchen einen Knacks bekommt. Ich habe in der Dämmerstunde die gelben Büttenpapiere in Atome zerschnitten und die stattliche Menge in ein seidenes Tuch geknüpft. Das ist nun ein weiches, weißes, vornehmes Ruhebett für meines jungen Lebens einzige Freude geworden. –
Ich habe das Bündel zum Lager Wald getragen und unter einem Tannenbäumchen eingegraben. Nur ein kleiner Heidezweig schmückt das seltsame Grab …
»Sie bringen ihre Garben und tragen edlen Samen …«
So soll es sein.
Viel Gutes soll aus diesem kleinen Hügel wachsen. – Denn was drinnen ruht, ist die Güte, die ein Fremder der einsamen Waise bot.