Der ganze Wald ist tot. Und ich wollte, ich läge im Waldgrabe beim Ahnen Joochen Lage, dessen Gebeine so »fein säuberlich« vom Urenkel begraben wurden. Und ich wollte, die dunklen Stechpalmen überwucherten alles mit ihrem satten Grün und ihren spitzen Stacheln. Und die leuchtend roten Beeren kündeten das Herzblut.
Die Clemenskapelle steht verlassen, die Lampe ist verlöscht …
Im Sinnen darüber (denn er hatte doch versichert, er wolle es nie mehr verlassen, noch versäumen) schritt ich nach dem Tempel. Der Tempel ist leer, – offen stehen die Türen … Eine alte Frau, mir unbekannt, rumorte mit allem Handwerkszeug, das man zum Säubern braucht, in den verlassenen Räumen umher. Sie sah mich feindselig an, und ich floh vor ihren spähenden Blicken.
Mein Märchenwald stand schweigend. Kein Rauschen und Flüstern war zu hören; er hielt den Atem an. Das Waldweibchen grüßte mich traurig, der erhobene, einlaßwehrende Arm war abgeschlagen …
Da schlang ich die Hände um den uralten, rissigen Stamm und sank an ihm nieder in die braune, streng duftende Heide. Und weinte, wie ich nie geweint. Lang anhaltend, bitterlich. –
Andern Tags.
Was ist nur geschehen? Was habe ich denn getan? Verfehlt? Versäumt? Wie Sonnenfinsternis liegt es über Lage. Aber noch gebe ich nicht nach. Meines Vaters Tochter darf und will nicht feige sein. Die 4-Uhr-Morgenstunde fand mich schon wieder gerüstet zum Tagewerke. Wohl mir, daß ich andern dienen darf, daß ich nicht mir selbst gehöre, sondern dem Herrgott, der mir meine Wege weist. – Diese Wege führten mich heute durch Disteln und Dorn. Mit widerborstigen Kranken und unbotmäßigen Gesunden mußte ich mich ärgern und hatte alle meine Kraft nötig. Und nahm sie zusammen und vermochte, milde zu urteilen und durchgreifend zu helfen. Auch im Pfarrhaus sprach ich vor. Aber die alte Dame ist noch krank, und da ich keine Aufforderung erhielt, an ihr Lager zu treten, so entfernte ich mich rasch wieder. In der Haustür traf ich mit Pastor Oswald zusammen, der ruhig und ernst wie immer und durchaus nicht unfrei mit mir sprach. Nur die scharfe Blässe seines vornehmen Gesichtes fiel mir auf. Er deutete leicht mit dem Kopf nach der Tür hin, hinter der die alte Dame das Bett hütet. »Sie wird nachgeben«, sagte er fest. Und fügte mit tiefem Ernst hinzu: »Lassen Sie mich weiter auf Ihre Hilfe hoffen, Freiin Brigitte.«
Diese Bitte hat mir zu denken gegeben. Aber noch komme ich nicht hinter ihren Sinn. Denn ich meine, durch meinen Brief an Madame Oswald habe ich gezeigt, daß ich nicht helfen kann und nicht helfen will. –
Meine alte Eva sieht aus wie Sturm und Gewitter, eitel Regen und wolkenverhangener Himmel. Durch einen inneren, mir unerklärlichen Aufruhr huscht sie wie eine Junge durch meine Räume, vermeidet aber trotzig jede Aussprache. Erst als ich meinen Arm um sie legte und bittend sagte: »Wenn du wüßtest, wie einsam ich bin, meine gute Alte, du gäbst mir scheffelweise Sonnenschein …«, da sah sie mich forschend an und streichelte ungeschickt meine Hand. Ließ sie aber gleich wieder fallen und murrte: »Andere und Bessere sind noch viel einsamer, und man nimmt ihnen den letzten Sonnenschein und freut sich an eigener Liebe.« – Eva, Eva, so dunkel hast du noch nie dahergeredet, und irgendeine Not hat dich gepackt, daß du nicht weißt, was du sprichst. –