Er saß im roten Ledersessel, »darinnen die Lages ausrasten«. Seine dunkeln Augen sahen mich noch eine Weile ernst und gütig an, ehe er sich langsam an dem festen Stock aufrichtete, dessen Elfenbeinkrücke in seiner Rechten ruhte.

Die alte Eva stand neben ihm und hatte in ihren Augen einen ruhigen Glanz. Und auf ihrem runzligen Antlitz ein stilles Lächeln voller Befriedigung, das sagte: Was wollt ihr nun noch? Es ist ja jetzt alles gut und in Ordnung.

Tante Fernande saß auf der kleinen Estrade, jeder Zoll die Audienzgebende. Aber als Ritter Lage sie ruhig und schweigend anblickte, verschwand sie hastig, und Eva folgte ihr. Nun standen wir uns allein gegenüber.

»Sie haben sich Muhme Jesuliebes Räume wunderbar heimelig eingerichtet«, begann er das Gespräch. »Man wird sich zusammennehmen müssen, um sich aus diesem Raum loszureißen. Denken Sie, wie entsetzlich es wäre, wenn ich immer hier bliebe …« Ich stand schweigend; es war mir, als läse ich einen der närrischen Büttenpapierbriefe.

Ritter Lage deutete mit seinem Stock auf eine Ausbuchtung der Mauer, die in das Zimmer hineinragt. Sein Gesicht war blaß, seine Mundwinkel zuckten. Spott, Verlegenheit und Unbehagen lagen in seinen Mienen.

»Die verehrte Regenschirmbase hat natürlich alles gläubig als Zauberei hingenommen«, sagte er mit seltsamem Lachen. »Das macht, weil Sie die Urkunde noch nicht kennen, und außerdem keinen Hang zur Neugierde haben. Ich aber hatte schon als 10jähriger Bub herausgefunden, daß sich hier eine ›Horchbucht‹ befindet. Wie Sie sie oft genug auf Plätzen, in alten Höfen, Toren und Burgmauern sehen können. – Gitti, Sie werden mir nachher die Ehre Ihres Gegenbesuches schenken. Lassen Sie den Knigge und den guten Ton in allen Lebenslagen einmal ruhig beiseite. Der graue Alltag braucht ihn nicht. Ich will Ihnen nur zeigen, daß seit 20 Jahren mein Schreibtisch in dieser Ausbuchtung steht, und daß ich laut Urkunde lebenslängliches Heimatsrecht in Lage habe.«

Ich erschrak so heftig, daß ich mich am Tisch festhalten mußte.

»Fallen Sie bitte nicht um, Gitti«, sagte Ritter Lage. »Mein linkes Bein ist heute besonders schmerzhaft, schief und verbogen, und die linke Hand kraftloser denn je. Ich würde mitfallen, wollte ich Sie aufheben. Glauben Sie auch nicht, daß es mir etwa Freude gemacht hat, den Horcher zu spielen. Ich hatte ein weit geruhigeres Leben, als Sie noch nicht Erbin des grauen Alltags waren. Sozusagen Schulter an Schulter arbeitete ich mit Muhme Jesuliebe, und nach der Arbeit schlüpfte die alte Dame durch die Tapetentür zu mir, strahlend und lautlos lachend darüber, daß sie mit 80 Lenzen noch diese geheimen Schleichwege gehen konnte. Wir waren uns sehr gut, Muhme Jesuliebe und ich. Sie war die interessanteste Frau, die ich je gekannt. Ebensoweit entfernt von künstlich erborgter Jugend, wie vom Quietismus des Alters. Als sie dann starb und Gitti hier einzog, gab ich natürlich immer Fersengeld, sobald sie das Zimmer betrat, denn ein geborener Horcher bin ich nicht, Regenschirmbase. Die Flucht war aber nicht immer möglich – mein Befinden ist großen Schwankungen unterworfen. Oft habe ich zähneknirschend auf dem Ruhebett gelegen, während Ihr lieber Plaudermund schier dicht an meinem Ohr seine Weisheit verzapfte.«

Er war wieder sehr blaß, als er dies sagte, und ich regte mich nicht.

»Kleine Gitti, es wäre barmherziger, wenn Sie schelten würden, anstatt so schrecklich stumm und vernichtet dazustehen. Wenn ich Sie so hinters Licht führte und nicht eher aus der Horchbucht hervortrat, so geschah es auch, weil ich allzu Köstliches in dieser Zeit gelernt habe. – Weil ich in eine liebe, ganz neue, wunderbar lichte Welt eintrat« …