»Aber man darf doch nicht horchen«, wendete ich gequält ein und rang meine Finger ineinander.

»Ach, kommen Sie mir nicht mit Ihrer Kleinkinderstubenweisheit«, sagte er ärgerlich. »Folgen Sie mir lieber in mein Reich und überzeugen Sie sich, wie weitab mein Ruhebett von der Ausbuchtung entfernt steht. Ich werde Sie hinübergeleiten und dann hierher zurückkehren. Mit ganz leiser Stimme werde ich von hier aus Ihnen abbitten, und Sie werden es trotzdem gellend in Ihren Ohren hören.«

Nun lachte ich doch ein klein wenig. »Ich glaube das noch nicht«, sagte ich, ihm folgend.

Er drückte auf eine Erhöhung in der Wand, und da tat sich langsam eine Tapetentür auf. Durch diese schoben wir uns hindurch, und sie fiel sofort wieder lautlos ins Schloß. Der Raum, den wir betraten, ist mir der liebste im ganzen Gewese. Groß und doch heimelig, mit ganz erlesenem Geschmack eingerichtet. Seine Spitzbogenfenster gehen zur schönsten Stelle des Parkes hinaus.

»Hier ist gar kein grauer Alltag,« sagte ich still, »hier wohnt das Licht.« Aber ich redete nur zu mir selbst, denn Ritter Lage war schon wieder durch die Tapetentür entschwunden. Ich hörte seinen Stock im Nebenzimmer aufstapfen und vernahm auch das leise Räuspern, das »Junker Clemens« an sich hat. Inzwischen fesselte meine Augen ein großes Bild über dem kostbar geschnitzten Sofa, es war unser Stammbaum. »Joochen Lage« las ich zu oberst in den Zweigen. »Geboren 1595, gestorben 1642 in’t Lager Huus.« Ich setzte mich still dem Bilde gegenüber auf das breite, große Ruhebett, auf dem ein riesiges Eisbärenfell ausgebreitet war, und meine forschenden Augen schweiften weiter über die Zweige und Verästelungen des Stammbaumes. Da tönte es eindringlich in mein Ohr: »Kleine Gitti, hörst du mich?«

Ich schaute mich um, aber ich war allein in dem schönen Raum.

»Gitti Regenschirm, weißt du, daß du das Licht im grauen Alltag bist?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

»Gitti, wir sind viele Jahrhunderte durch grauen Alltag geschritten. Bis du kamst. Nun kann es nie wieder ganz dunkel werden in’t Lager Huus.«

»Ritter Lage, ich möchte das alles zurückgeben. Für mich war die ewige Lampe der Kapelle das Licht im grauen Alltag, und du hast es entzündet, Clemens Lage.« –